Seien wir ehrlich: Man hat ihn immer überschätzt! Als Gipfel der deutschen Dichtung, als größte Persönlichkeit der deutschen Literatur wurde er gepriesen, man hat ihm Denkmäler errichtet, Straßen, Plätze und Preise mit seinem Namen geschmückt, man hat ihn weltweit als Aushängeschild der deutschen Kultur benutzt. Dabei ist zu fragen, ob das zweifellos umfangreiche Werk heute noch einer kritischen Prüfung standhält. Die Antwort, mag sie auch schmerzlich sein, ist nein!

„Marcel Reich-Ranicki“: „Goethe – ein Abschied ohne Demut“, Hessischer Literatur Bote, 9. Heft, 3. Jahrgang

Lettre kommt

Diderot und Lessing sind einander nie begegnet, und von einem Teestündchen zwischen Flaubert und Tolstoi ist nichts bekannt. Vielleicht hätte es auch nicht viel gebracht; denn als einmal, ein einziges Mal, zwei große Geister ihrer Zeit, Joyce und Proust, zusammentrafen, sollen sie über nichts anderes als über ihre Wehwehchen, ihre Kopf- und ihre Zahnschmerzen geseufzt haben. Es stand und steht schlecht um die große geistige Debatte in Europa, und wenn überhaupt, dann findet sie wohl mehr in den Zeitungen, in Essaybänden und Festschriften statt als auf Podien und Kongressen. Rechte Zeit also für eine Kulturzeitschrift neuen, großen Stils, eine Zeitstreitschrift für das intellektuelle Gesamteuropa. Ein Tscheche im Pariser Exil, der Essayist und Zeitungsmann Antonin Liehm, hat sie unter dem Titel Lettre 1984 gegründet, und vom nächsten Monat an soll sie, die bereits außer auf französisch auch auf italienisch und spanisch erscheint, in deutschen Buchhandlungen auf deutsch erhältlich sein. Bei einer Auflage von hunderttausend Exemplaren scheint der Optimismus der Über-Feuilletonisten in Berlin (wo sonst in Deutschland?) groß, mit „anregenden, exklusiven Texten der angesehensten Autoren der Welt“ auf 96 Seiten „ein europäisches Publikum“ im Fluge zu gewinnen. Doch Obacht: Dieses erwartet mehr als nur neueste Mitteilungen über den Stand der Kopfschmerzen des Nobelpreisträgers A. und das Sodbrennen des Lyrikers B.!

Louise Nevelson

Amerika scheint ein gutes Klima zu sein für Künstlerinnen: 98 Jahre wurde Georgia O’Keefe, die 1986 starb; jetzt hören wir vom Tod der anderen extravaganten alten Dame der amerikanischen Kunst: im Alter von 88 Jahren starb Louise Nevelson. Geboren wurde sie in Kiew, als Kind kam sie mit den Eltern nach Amerika, studierte später bei Hans Hofmann im München und heiratete dann nach New York. Hans Arp nannte sie, die ihre künstlerische Laufbahn im Zeichen von Kubismus und Surrealismus begonnen hatte, eine Enkelin von Kurt Schwitters. Und in der Tat wirken ihre seltsamen, unbenutzbaren Schrank-, Altar-, und Regal-Architekturen wie eine strenge, weibliche Variante zu Schwitters endlos wucherndem „Merz-Bau“. Louise Nevelson, eine Dame aus dem alten Europa in der neuen Welt: die schönen, meist schwarzen Gebilde, Meisterwerke der Zimmermannskunst, geeignet zur Möblierung von Geschichten von E.Th.A. Hoffmann, sind immer eine Irritation, aber nie ein Affront.

Ein Sommertheatertraum