Von Rolf Michaelis

Offt grosser flam / Von füncklin kam", so warnt im Sommer 1521 der humanistische Wanderpoet Ulrich von Hutten in seinem berühmtesten Lied – "Ich hab’s gewagt mit Sinnen". Als ob die geschichtliche Wahrheit dieses Naturgesetzes vom kleinen Funken bewiesen werden sollte, der zur großen Flamme, zum Feuer des Aufruhrs, zum Weltenbrand werden kann, kommt es drei Jahre später, aus scheinbar nichtigem Anlaß, im Klettgau zwischen Hochrhein und Schwarzwald zu einem ersten Aufstand unzufriedener Bauern gegen ihre Herrschaft, die sie in Leibeigenschaft hält, zu Frondienst preßt, mit der Naturalsteuer des "Zehnten" ausbeutet.

Mitten zur Erntezeit im Hochsommer 1524 – da ist der Reichsritter Ulrich von Hutten seit einem Jahr tot – hat die Gräfin der Landgrafschaft Stühlingen in der Nähe von Schaffhausen die Anwandlung, ihre Bauern zum Einsammeln von Schnecken von den Feldern zu holen. Auf die Schneckenhäuser will die Hohe Frau Garn wickeln.

Der als besonders schmählich empfundene Auftrag zur Unzeit ist der Funke, der jahrhundertelang aufgestauten Unmut zur Explosion bringt. Die zur Schneckenjagd abkommandierten "Pauern" verweigern den demütigenden Dienst, rotten sich zusammen und ziehen protestierend vor das Schloß der zierliche Handarbeit pflegenden Dame. Das Lärmen der mit Sensen, Mistgabeln und Dreschflegeln vor das Haus der Herrschaft ziehenden armen Leut’ ist in den Nachbardörfern zu hören. Rasch schließen sich in Schwaben und Franken, in Thüringen und Tirol, im Elsaß und am Bodensee die ausgebeuteten Tagelöhner, von der religiösen Erregung der Reformation gepackt, den aufständischen Haufen an. Es entsteht, was der Historiker Günther Franz die "größte Massenerhebung der deutschen Geschichte" nennt.

Rasch werben die Fürsten Söldnerheere an und schlagen den Aufstand blutig nieder. Luther, anfangs zur Vermittlung bereit, stellt sich bald gegen die Rebellen, die an der "Obrigkeit" zu zweifeln wagen. Sein Amtsbruder in Thüringen, der Pfarrer Thomas Müntzer, der 1523 in Allstedt eine deutschsprachige Gottesdienstordnung eingeführt hat, schmäht den professoralen Reformator als "das geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg". Unter dem Hoffnungs-Zeichen der Regenbogenfahne führt der Prediger von Mühlhausen am 15. Mai 1525 sein Bauernheer bei Frankenhausen in die Schlacht – und unterliegt. Der Anführer der "Rottengeister und Schwärmer", wie Luther den Müntzer und dessen "Bund der Auserwählten" mit ihren urchristlich-kommunistischen Anschauungen und Forderungen schmäht, wird gefangen, gefoltert, geköpft. So endet, was Friedrich Engels als "größte progressive Umwälzung" preist, "die die Menschheit bis dahin erlebt hat".

Wenige Tage, ehe Müntzers Kopf in den Sand rollt, bricht das herrschaftliche Strafgericht über die süddeutschen Bauern herein, die am 12. Mai 1525 bei Böblingen geschlagen wurden. Noch am Abend der Schlacht binden die Söldner im Heer des "Schwäbischen Bundes", auf Befehl ihres Feldherrn Georg III., Truchseß von Waldburg, der seither "Bauernjörg" genannt wird, einen der Anführer, Melchior Nonnenmacher aus Ilsfeld, an einen Baum und verbrennen ihn bei lebendigem Leib. Nonnenmacher und der Neckartal-Odenwälder Bauernhaufen hatten am 16. April 1525 die württembergische Amtsstadt Weinsberg gestürmt und die Führer ihrer Besatzung "durch die Spieße gejagt".

Ähnlich wie Nonnenmacher ergeht es dem Hauptmann des Neckartäler Bauernhaufens, Jäcklein Rohrbach. In seinem Troß zieht eine der wenigen aktiven Revolutionärinnen des deutschen Bauernkrieges mit, Margerete Renner aus dem Dorf Böckingen bei Heilbronn. Die Bauern nennen sie "Die Schwarze Hofmännin". Sie schreiben ihr – eine Art Heilige Johanna des Bauernkriegs – Zauberkräfte zu und lassen sich vor der Schlacht von ihr segnen, um unverwundbar zu werden.