„Giorgo Manganellis Lügenbuch“

Ein Lügenbuch: damit sind die Gattung und die Tonlage, in der Manganelli schreibt, genau getroffen. Manganelli erzählt keine Märchen, er lügt schamlos die Wahrheit. Etwa über den Typus des literarischen Konformisten: „Wenn es ihn nicht gäbe, wäre die Literatur ein unwegsamer, archaischer Wald, in dem lärmende und ungezogene Reptilien und Dickhäuter hausen: die Genies.“ Oder über die eigene Produktion: „Es ist dem Schriftsteller auferlegt, mit immer schärferer Bewußtheit an einem Text zu arbeiten, dessen Sinn immer unverständlicher wird.“ Manganelli-Romane, sagt Manganelli, schießen wie Pilze über Nacht aus dem Boden. Manganelli-Leser leider nicht. Diesem Mißstand will Klaus Wagenbach jetzt mit einer kleinen Sammlung von Texten des Italieners-abhelfen: Manganelli für Anfänger. Das „Lügenbuch“ (Wagenbach Verlag, Berlin 1987; 156 S., 16,– DM) ist eine Art Kursbuch für Manganelli-Reisende: alle Routen führen schnurstracks ins Labyrinth. Darin haust die „Beherrscherin des Nichts“, die Literatur, und wartet auf Gefolgschaft. Daß Wagenbach als Herausgeber einige der Texte mit selbsterfundenen Überschriften garniert hat, ist nicht schön, aber verzeihlich; immerhin findet man hier nebst eigens übersetzten Kleinodien wie dem schon 1963 entstandenen Programm-Essay „Die Literatur als Lüge“ auch ein Manganelli-Interview von Eva Maek-Gerard, in dem die „Firma Manganelli“ dem Leser Einblick in ihre seltsamen Herstellungsverfahren gewährt. „Die Vorstellung, daß ein literarisches Werk kommunizieren soll, ist für mich reiner Wahnsinn“: wohl wahr. Und doch, es spricht. Auch in Scherben, in Bruchstücken. Auch hier. Andreas Kilb

Theodor Schübel: „Bischoff – Eine Karriere“

„Warum muß mich das Zeug, das die Künstler heutzutage produzieren, unbedingt interessieren? Warum darf es mir nicht gleichgültig sein? Schließlich bin ich diesen Herrschaften doch auch gleichgültig, oder nicht?“ Der alte Angermann aus Theodor Schübeis Roman „Bischoff – Eine Karriere“ ist Chef einer großen Maschinenfabrik und hat seine eigene Meinung über die moderne Kunst: „Ich fühle mich von den Künstlern nicht ernst genommen – und das habe ich nicht so gern.“ Bischoff, sein junger Assistent, der die große Karriere plant, sieht es ähnlich. Er hat in seinem Leben einen einzigen Roman gelesen – als Kind. Den Namen Stechlin, der auf einer Party fällt, vermag er partout nicht unterzubringen. Aber das wird seinen Aufstieg nicht bremsen. Ein Roman, in dem die Helden keine Romane lesen? Das ist selten – zumal sie hier nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Einen packenden Roman aus dem Wirtschaftsleben: das gibt es also auch (Droemer Knaur, München 1987; 350 S., 36, – DM). Und zwar auf beachtlichem erzählerischen Niveau: Schübel, Jahrgang 1925, bisher als Theater- und Fernsehautor bekannt, erreicht bisweilen eine geradezu Fontanesche Ruhe und Klarheit. Mit Problemen des literarischen. Handwerks hält sich dieser Autor nicht lange auf. Er gibt seinen Figuren deutliche Umrisse, kann Dialoge bauen, die Handlung übersichtlich, aber nicht ohne Überraschungen führen. Der alte Angermann hat schon recht: Nur wenige Schriftsteller nehmen sich heute seinesgleichen so kompetent an – und so gekonnt. Volker Hage

„Leben im Atomzeitalter“,

herausgegeben von Walter Jens

Mitte der sechziger Jahre erschien, herausgegeben von Bernward Vesper und Gudrun Ensslin, eine Mahn- und Warnschrift über die Gefahr einer atomaren Selbstvernichtung der Menschheit. Unter dem Titel „Gegen den Tod“ waren da „Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe“ versammelt, Prosatexte und Gedichte, die apokalyptische Visionen entwarfen und düstere Zukunftsängste schürten. Als „Beschwörer des zarten, menschlichen, zerbrechlichen Lebens“, schrieb Vesper in seinem Vorwort, „tragen die Schriftsteller eine große Verantwortung“. Und tatsächlich schärften die ausgewählten Texte, aus der Perspektive der möglichen Opfer, die Aufmerksamkeit für die atomare Gefahr – mit dem Ziel, diese Gefahr durch solidarischen Protest abzuwehren. Fast ein Vierteljahrhundert später, im Jahr nach Tschernobyl, hat Walter Jens, der als Berater den beiden Editoren half, abermals das – um die Angst vor Reaktorunglücken erweiterte – Gefahrenbewußtsein deutschsprachiger Autoren dokumentiert. In seiner Anthologie „Leben im Atomzeitalter: Schriftsteller und Dichter zum Thema unserer Zeit“ (mit Handzeichnungen von Alfred Hrdlicka; Verlag Moos & Partner, Gräfelfing vor München 1987; 215 S., 36,– DM), die im Anhang den vollständigen Abdruck der Publikation von 1964 enthält, findet sich aber kaum ein Hoffnungsfunken mehr. Zum Ausdruck kommt fast nur die Ohnmacht des einzelnen gegenüber den lebensbedrohenden Folgen der prometheischen Zivilisation, manchmal gemischt mit Wut über das lethargische Hinnehmen des Schreckens und gelegentlich ergänzt durch einen trotzigen Überlebenswillen. Neu ist das alles nicht. Aber was bleibt, solange die Gefahr nicht wirklich ernstgenommen wird, Schriftstellern anderes und Wichtigeres zu tun haben, als die Verletzlichkeit des allen gemeinsamen Lebensraums immer wieder bewußt zu machen? Otto Lorenz