Als Mensch, so sagen einige, die ihm im kleinen Kreis begegnet sind, habe Hermann Axen einen guten Eindruck gemacht: intelligent und vielseitig gebildet, belesen in amerikanischer Geschichte, anregend in der Deutung jüngster Entwicklungen in Osteuropa. Als Redner in Washington und bisher ranghöchster Besucher aus der DDR habe er indes enttäuscht: In der Diktion trocken wie Neues Deutschland, maßlos im Lob seines Staates, hart in der Verteidigung der Mauer. Neue Töne, beispielsweise zum guten deutsch-deutschen Verhältnis blieben darüber fast unbemerkt.

Vom Amerikanischen Institut für zeitgenössische deutsche Studien der John Hopkins Universität war Hermann Axen, Politbüromitglied der SED, eingeladen worden; das State Department hatte dabei Pate gestanden. Außenminister Shultz empfing den Emissär der SED. Das Ergebnis der Gespräche war bescheiden: Einige Fortschritte in Fragen der Familienzusammenführung und der Menschenrechte wurden erzielt, gemeinsame Terrorismusbekämpfung auf die Tagesordnung gesetzt. Die DDR ist endlich bereit, Entschädigungsansprüche jüdischer US-Bürger zu befriedigen. Die amerikanischen Medien nahmen keine Notiz von der Anwesenheit des hohen SED-Funktionärs in Washington. Das muß Hermann Axen geschmerzt haben. Seit 1939, als ihm in einem französischen Internierungslager vor der Deportation nach Auschwitz die Schriften Jeffersons und Thomas Paines unter die Finger kamen, hat er sich diese Reise gewünscht. Dank beseelt ihn noch heute, wenn er von den Soldaten des Generals Patton spricht, die ihn, den einzigen Überlebenden seiner Familie, aus dem KZ Buchenwald befreiten. Der Mensch Hermann Axen, der als deutscher Jungkommunist jüdischer Abstammung für seine Überzeugungen gekämpft und gelitten hat, fand Anklang in den USA, der Funktionär erfuhr Abstand.

Ulrich Schiller (Washington)