Von Detlef Hartlap

Ein Kloot ist eine kleine Holzkugel mit Bleifüllung, knapp ein Pfund schwer, und niemand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte diese Kugel weiter werfen als der Bauer Berend Onken aus dem Dorfe Heglitz bei Wittmund. Wenn Onken warf, strömten die Menschen aus ganz Ostfriesland herbei, 10 000, ja 15 000 waren keine Seltenheit. „Kanone“ wurde Berend gerufen, sein eigentlicher Ehrenname aber lautete „Bernd Klootscheeter“.

Im Winter 1883 trat das Idol der Ostfriesen leihweise in jeverländische Dienste, denn nur mit Onken in ihren Reihen glaubten die Jeverländer einen Klootschießer-Vergleich mit Butjadingen bestehen zu können. Onken warf, was seine starken Bauernarme hergaben, aber diesmal war das Glück gegen ihn. Beim letzten Wurf der Butjadinger landete der Kloot auf einer blanken Eisfläche, bekam dort erst richtig Fahrt und rollte und rollte („trüllen“ sagen die Klootschießer) in schier unerreichbare Ferne. Bernd Klootscheeter versuchte es trotzdem, nahm mächtig Anlauf, warf gewaltig wie nie zuvor, doch kam die Kugel in tiefem Schnee auf, wo sie nicht trüllte, sondern wie erstorben steckenblieb – platsch und aus! Vor Wut biß Onken in den Kloot, und alte Chroniken wissen zu berichten, daß seine Zähne tief in Holz und Blei gedrungen seien. Jedenfalls wurde diese Kugel noch Jahrzehnte in Haddien bei Jever aufbewahrt, eine Ikone des Klootschießens.

Der Bernd Klootscheeter unserer Tage heißt Hans-Georg Bohlken und stammt aus dem 103-Seelen-Dorf Ellens bei Zetel. Mit einer Weite von 105,20 Metern hält er den Weltrekord im Klootschießen. In Irland wird Bohlken gar als „Mann des Jahrhunderts“ gefeiert, seit er im September 1985 den Kloot über eine für unbezwingbar gehaltene Eisenbahnbrücke in der Nähe von Cork schleuderte und dafür 5000 irische Pfund kassierte. Hans-Georg Bohlken ist hoher Favorit für die Europameisterschaften der Klootschießer und Boßler, die am Himmelfahrtstag in Norden/Ostfriesland beginnen und vier Tage dauern. Selbst die Iren wetten auf ihn.

Auch in Norden werden zu den einzelnen Wettkämpfen zehn- bis zwanzigtausend Zuschauer erwartet. Die Popularität des friesischen „Heimatsports“, wie das Klootschießen vorzüglich in Funktionärskreisen tituliert wird, scheint ungebrochen; seine Traditionen aber sind es nicht. So ganz ohne Verrenkungen läßt sich kein Bogen spannen von Bernd Klootscheeter zu Hans-Georg Bohlken. Die Naturburschen von ehedem, die selbst bei Frost barfüßig und in Unterhosen an den Abwurf gingen, haben wenig gemein mit den Spitzenklootschießern von heute, die wie Leistungssportler trainieren und sich auch so kleiden. Zudem lebt der Friesensport längst nicht mehr vom Klootschießen allein. 41 000 Mitglieder zählt der „Friesische Klootschießer-Verband“, aber die meisten kennen das Klootschießen nur noch vom Zusehen. 95 Prozent der Friesensportler frönen heute einem Straßenspiel, dem Boßeln.

Die Funktionäre nennen das Boßeln gern eine „Abart des Klootschießens“, was mancher Aktive, der die unterschiedlichen Bewegungsabläufe, am eigenen Leibe erprobt hat, seinerseits „abartig“ findet. Tatsächlich sind Boßeln und Klootschießen so grundverschieden wie etwa Speerwerfen und Bowling. Klootschießen steht für geballte Kraft, Boßeln für Fingerspitzengefühl. Klootschießen lebt von den Legenden bärenstarker Werfer, die immer Einzelkämpfer waren und sein mußten, da es solche Exemplare nun mal nicht im Dutzend gibt. Boßeln hingegen ist ein Volkssport, der in Ostfriesland an fast jedem Wochenende Tausende auf die Straße bringt. „Achtung Boßelspiele“, warnen die Verkehrsschilder. Was diese beiden Sportarten verbindet, sind gemeinsame Regeln und das weite Dach des Friesensports.

Der alte Geist des Klootschießens lebt heute nur noch bei den großen Feldkämpfen zwischen Ostfriesland und Oldenburg auf. Man spricht in diesem Zustand auch von „Länderkämpfen“: Sieben gegen sieben treten sie an, und die Zahl der Berufungen wird ebenso getreulich nachgehalten wie bei den Nationalspielern im Fußball. Gefrorener Boden ist Voraussetzung für den Wettbewerb, andernfalls könnten die Würfe (plattdeutsch: „Flüchte“) nicht die gewünschte Fortsetzung in möglichst langem Trüllen erfahren. Bereitet sich ein Ostfriese auf den Wurf vor, wird hymnisch „In Ostfreesland is’t am besten“ intoniert, übrigens nach der Melodie von „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“. Die Oldenburger bringen ihre Werfer im Gegenzug mit „Heil dir, o Oldenburg“ auf Touren. Und so geht es kilometerweit, Hymne auf Hymne, Wurf auf Wurf, über Felder und Weiden, über Zäune und ungezählte Gräben, die hier „Schlote“ heißen. Zwischen Sieg und Niederlage liegen am Ende oft nur ein paar Meterchen.