Von Viola Roggenkamp

Gab es irgendwo in der Bundesrepublik bisher eine Landesregierung, in der vier Ministerinnen saßen oder gar sitzen? Nein. Aber jetzt: Schläfrig-Holstein ist am 8. Mai aufgewacht und hat Geschichte gemacht. Und noch etwas: unter den vier Ministerinnen „bin ich die erste Frauenministerin dieser Republik“! So hat es Marianne Tidick noch in der Wahlnacht fröhlich verkündet, und von diesem Ausruf will sie auch keinen Buchstaben zurücknehmen, am allerwenigsten das Prädikat „erste“.

Rita Süssmuth? Marianne Tidick holt kurz Luft und sagt: „Rita Süssmuth ist die Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Wir haben mit dem Frauenministerium in Schleswig-Holstein deutlich gemacht, daß es sich hier um einen fraueneigenen Politikbereich handelt, der nicht irgendwo angehängt wird. Außerdem habe ich ein Ablehnungs- und Initiativrecht.“ Genau das fehle der Christdemokratin Rita Süssmuth als sogenannter Bundesfrauenministerin.

Marianne Tidick ist eine Landesfrauenministerin, die von der üblichen Mutterarbeit „Jugend – Familie – Gesundheit“ befreit ist. Dafür wird Günter Jansen zuständig sein. Und sie ist auch nicht bloß eine Gleichstellungsstellenfrau, denn sie hat als Ministerin Sitz und Stimme im Kabinett. Ihr kann allein der Ministerpräsident durch seine Richtlinienkompetenz hineinreden, aber damit müssen die anderen Minister und Ministerinnen auch leben.

Der Etat des Frauenministeriums wird gewiß nicht zu den größten gehören, doch hat Marianne Tidick bereits wissen lassen, daß sie in gar keinem Fall bereit sei, die sogenannten Regelprojekte – beispielsweise Frauenhäuser – aus ihrem Etat zu finanzieren. „Die Regeleinrichtungen sollen da bleiben, wo sie sind. Also die Frauenhäuser etwa bei Günter Jansen.“ Das Frauenministerium sei nicht dazu da, Frauenpolitik aus allen anderen politischen Gremien abzuziehen. „Wir wollen neue Projekte für Mädchen und Frauen fördern, Starthilfen für Pilotprojekte geben und die unter Umständen weiter finanzieren.“ Personalstab? Marianne Tidick: „Ein rundes Dutzend. Das reicht. Das Land ist arm, und unsere Finanzministerin steht vor leeren Kassen. Unter den Mitarbeiterinnen muß aber eine tüchtige Juristin sein.“

Als erstes will die Frauenministerin gegen das Beratungsgesetz zum Paragraphen 218 vorgehen. „Wir können als Land dagegen klagen.“ Schleswig-Holsteins SPD ist im Gegensatz zur Bundes-SPD für die Fristenregelung. Und die Frauenministerin selbst? „Im Prinzip bin ich immer für die Streichung gewesen und der Meinung, daß der Paragraph überflüssig ist.“

Marianne Tidick? Vielen war sie nicht bekannt, als Björn Engholm die Hamburgerin als künftige Frauenministerin präsentierte. Bislang flog sie wöchentlich nach Bonn, um in der Bund-Länder-Kommission als Generalsekretärin ihre Pflicht zu tun. Jetzt ist Kiel ihre zweite Heimat. Schon vor drei Jahren versuchte sie den Sprung von der Beamtin zur Politikerin und scheiterte als Bundestagskandidatin für Hamburg-Altona bereits im Vorfeld der Genossen-Konkurrenz. Damals hatte die heute 45jährige Sozialdemokratin darauf Wert gelegt, ihre Schwerpunkte bei Umwelt- und Medienpolitik, Haushalt, Kultur und Bildung festzulegen; nun aber die Frauen.