Wenn doch der Reporter Jean-Paul Kauffmann und sein Freund Michel Seurat an diesem Mittwoch, es ist der 22. Mai 1985, nicht in dieses Taxi gestiegen wären...

In der exotischen Menge des internationalen Flughafens von Beirut fallen beide durch ihre westliche Kleidung und französisches Aussehen derart auf, daß sich Jean-Paul bereits ängstigt. Der Bus der Middle East, den sie nehmen wollen, um der Gefahr eines Überfalls zu entgehen, war schon abgefahren. Nervös steuern sie auf ein Taxi zu. Seurat handelt den Fahrpreis aus, das Gepäck fliegt in den Kofferraum. Zwei Minuten später überholt sie ein Mercedes und zwingt sie anzuhalten. Ein Mann bedroht sie mit einer Pistole: „Geld her!“ Jean-Paul holt aus der Tasche sein gesamtes Geld, das er eben in Dollar umgetauscht hatte. Offenbar ist es nur ein banaler Überfall... Doch da lädt der andere Mann das Gepäck in den Mercedes um und zwingt die Fahrgäste umzusteigen. „Das ist es“, denkt Jean-Paul. Da sitzen nun die beiden Franzosen neben einer Kalaschnikow und blicken ungläubig auf den Beifahrer, der durch das Fenster in die Luft schießt, starren auf den regungslosen Nacken des Fahrers, der sie gleichgültig im Rückspiegel mustert.

Es ist Abend. Als sie Beirut erreichen, fällt die Nacht wie ein schwarzer Vorhang auf die Stadt; schlagartig wird es dunkel. Die Stadt ist menschenleer. Sie fahren ins Zentrum und halten vor dem Tor einer Art Tiefgarage. Der Wagen taucht brummend hinab bis ins zweite Untergeschoß. Ein höllischer Motoren- und Maschinenlärm, Kameras filmen die Fahrzeuge, die in den Gängen fahren. Der Mercedes bremst. Kauffmann und Seurat werden in eine leere Zelle gestoßen. Die Mauern reichen nicht bis zur Decke und unter der Tür dringen beißende Benzingerüche in den Raum. Eine dreckige Glühbirne hängt jämmerlich von der Decke.

Es ist neun oder zehn Uhr abends. Immer wieder sind verschiedene Männer, einer nach dem anderen, bei Kauffmann und Seurat in die Zelle gekommen und haben ihnen ihre Uhren, ihre Papiere, ihre Kreditkarten abgenommen. „Kein Wort darüber an den Boss! Ihr werdet nichts sagen!“ Sie sind wie ein Schwarm gefräßiger Krähen. Schließlich wirft jemand eine Schaumstoffmatratze in den Raum und befiehlt: „Schlaft darauf!“ Kauffmann schläft sofort ein.

Am nächsten Tag werden sie um sieben Uhr geweckt. Folgsam halten sie sich an ihre erste, am Vorabend ausgegebene Gefängnisregel: Sobald ein Wärter anklopft, muß die Augenbinde angelegt werden. Während der drei Jahre werden sie ständig diese Binde auf dem Kopf tragen, um sie beim Auftauchen eines Wärters über die Augen zu ziehen.

In diesem Untergeschoß herrscht ständig Nacht. Das Gebläse einer Lüftung rührt die lauwarme Luft mit dem Geräusch eines hechelnden Tieres um. Seurat spricht gerade mit einem eingetretenen Mann arabisch. Dieser nennt sich Jamil.

Jamil ist recht höflich: „Ihr kommt hier nach einer Stunde, einem Tag oder einem Monat wieder raus“, bedeutet er ihnen nach einer Woche. Die beiden Geiseln atmen auf.