Sein patriarchalischer Führungsstil überlebte sich genauso wie die zentralistische Struktur, die er konservierte. Der Kadarismus konnte nur so lange funktionieren, wie sich die Gesellschaft mit Konsumgütern, die mit Westkrediten finanziert wurden, für ihre politische Selbstbescheidung entschädigen ließ. Jetzt fehlen der Partei Mittel, das Volk zu bestechen. Vor allem die jüngere Generation ist nur noch bedingt bereit, das alte Stillhalteabkommen zu respektieren.

Doch aus der Negierung des Alten ergibt sich nicht automatisch das Neue. In Ungarn redet heute zwar jeder Politiker von der Notwendigkeit politischer und wirtschaftlicher Reformen, aber nur in den seltensten Fällen verbindet er damit differenzierte Vorstellungen. Die Parteikonferenz konnte nicht mehr als die Richtung andeuten, in die der Weg führen soll: deutliche Trennung der Aufgaben von Partei und Staat, Aufwertung der Selbstverwaltungsorgane, Eigenständigkeit für Massenorganisationen wie die Patriotische Volksfront und den Jugendverband; gleichzeitiger Rückzug der Parteien auf ihre eigentliche – ideologische – Aufgabe.

Der politische Herausforderer Kádárs war Károly Grósz. Mit einer Öffentlichkeitskampagne, wie, sie in der kommunistischen Bewegung ganz und gar unüblich ist, hatte er schon, vor der Parteikonferenz sein Interesse für die Stelle des Ersten Parteisekretärs angemeldet. Ende April sagte er der Tageszeitung Magyar Hirlap, Politiker sollten sich zurückziehen können, wenn "biologische Gesetze" ihre Fähigkeiten schwächten – eine diskrete Umschreibung der Tatsache, daß Kádár offenbar geistige Ausfälle zeigt.

Grösz hatte sich schon im letzten Jahr nicht geschlagen gegeben, als sein Mitstreiter und Konkurrent János Berecz ihm bei der Bestellung des stellvertretenden Parteichefs den Rang ablief. Statt sich in der Rolle des Ministerpräsidenten an den Rand drängen zu lassen, baute Grósz sein Regierungsamt zur Angriffsstellung aus. Binnen weniger Monate profilierte er sich als dynamischer politischer Reformer. "Grósz sieht die Realität", sagt ein Historiker im Gespräch anerkennend, "und er will etwas ändern."

Grösz besitzt Unterstützung im Apparat und bei jenem Teil der Bevölkerung, der vom Parteichef erwartet, daß endlich Ordnung geschaffen wird. Die einen hoffen, seine Neigung zu Strenge und Disziplin werde endlich die Wirtschaft wieder flottmachen, andere befürchten, eine neue Rigidität könne sich einnisten. "In der Seele ist Grósz ein Ordnungspolitiker", beschreibt ihn ein Parteimitglied, das ihn aus gemeinsamer oder fester Arbeit kennt. Denn Grósz sieht ganz traditionell in der "Festigung der Partei" als eines "Kampfverbandes, wie er einmal war" die Lösung zur Überwindung der politischen Krise und hält an ihrem Monopolanspruch fest. Fraktions- und Plattformbildungen lehnt er ab. Seine Versicherung, die erneuerte Partei werde alle Vorteile eines Mehrparteiensystems realisieren, wird von vielen Kritikern unter dieser Voraussetzung nur als leere Reformihetorik verstanden.

In der Westpresse wird Grósz oft als ungarischer Gorbatschow beschrieben. Diese Kennzeichnung stimmt freilich nur zum Teil. Erstens geht Grösz jedes persönliche Charisma ab; er wirkt eher wie ein glatt gestylter Behördenvertreter. Zweitens beschränkt sich sein Veränderungsdrang fast ganz auf den wirtschaftlichen Bereich. Seine politischen Vorstellungen sind so bescheiden wie konservativ.

Der eigentliche Reformer der ungarischen KP ist Imre Pozsgay, der neu ins Politbüro gewählte Generalsekretär der Patriotischen Volksfront. "Die Wurzeln der Probleme in Ungarn liegen nicht in der Wirtschaft", wird Pozsgay nicht müde zu betonen, "sondern in der Gesellschaft." Nicht der Untertan, nur der entscheidungsbefugte Staatsbürger könne dem Land auch wirtschaftlich wieder auf die Beine helfen. Wenn Grósz vom einzelnen verlangt, er solle sich zusammenreißen, um die Durststrecke in den nächsten Jahren durchzustehen, hält Pozsgay dagegen, nicht schnelle Anpassung an neue "effektivere" Verhaltensregeln sei erforderlich, sondern der Mut, die alten Strukturen zu durchbrechen.