In aller Stille, ganz leise, prallen in dieser Republik täglich ein schönes, abstraktes Urheberrecht und etwa zwei Millionen Computer-Eigentümer zusammen. Die Freaks würden sich wundern, wenn sie individuell als Diebe und Räuber beschimpft, von Polizei und Staatsanwälten heimgesucht und schließlich sogar millionenfach bestraft würden. Aber leider – sie sind Stehler und Hehler, millionenfach.

Denn kaum ein Fan im Land hat kein geklautes Programm im Diskettenkasten. Fast jeder hat handschriftlich beschriebene, mit Selbstklebe-Etiketten versehene Raubkopien neben dem Computer stehen, von Freunden geschenkte, mit Kollegen getauschte, am Arbeitsplatz schnell besorgte Kopien von all den geliebten Computer-Programmen, die diese Maschine überhaupt erst reizvoll machen: ohne Software ist sie totes Metall.

Er – der räuberische, schuldige Fan – hat dem Urheber und Händler nicht die diesen gebührenden 1500 Mark gezollt, er hat kein dazugehöriges Handbuch erworben, sondern er hat dieses schnöde kopiert, meist hat er nur eine schon schlechte vierte Kopie wiederum abgelichtet, wenn ihn das raubkopierte Programm wirklich interessierte. Denn andere Freaks sammeln raubkopierte Programme wie gestempelte Briefmarken, sie stapeln Kopien – zum Ausprobieren und Weiterverteilen.

Und kein Computer-Besitzer findet es kriminell, seine Freunde und Kollegen an dem vermeintlichen Segen teilnehmen zu lassen: Er kopiert seinerseits fleißig, um anderen einen (billigen) Gefallen zu tun – und um deren Kopierbereitschaft zu seinen Gunsten zu fördern. Die mit heutigen Laufwerken gedoppelten Disketten-Programme sind zu hundert Prozent einander identisch: Der Computer und seine Einzelteile arbeiten perfekt. Und wenn der Hersteller einen Kopierschutz eingebaut hat, wenn das Laufwerk rattert und sich zu lesen weigert, gibt es Freunde, die haben ein Copy-Board – die richten das schon.

Dabei ist – eigentlich, gesetzlich – beim Kopieren von Disketten fast alles verboten. Ein strenges Urheberrecht, mit gesetzgeberischer Emphase das geistige Eigentum schützend, am 1. Juli 1985 neu gefaßt, bedroht mit saftiger Strafe und hohem Schadenersatz jeden, der lustvoll, ahnungslos oder auch schuldbewußt herumkopiert. Gesetz und Rechtsprechung sind streng: Manche Firmen verbieten sogar das Anfertigen persönlicher Sicherheitskopien. Es gilt: ein Computer, ein Programm. Wenn eine Firma ein Text-Programm kauft, muß sie so viele Exemplare bezahlen, wie Computer im Sekretariat stehen. Nur Originale dürfen verkauft, verschenkt, verliehen werden. Ausnahmen wie etwa das Mitschneiden von Radiosendungen oder Fernsehstücken auf Band gibt es nicht. Im Prinzip also: wer ein Kopierprogramm kopiert, macht sich eines vollendeten Bruchs des Urheberrechts und einer Vorbereitungshandlung für weitere Rechtsbrüche schuldig.

Daß dies kein Spaß ist, davon können die (noch wenigen) Betroffenen von Hausdurchsuchungen, Polizeiaktionen, Beschlagnahmen und die Leiter von Uni-Instituten künden, bei denen Abkupfern sich offenbar zu einem Sport entwickelt hat. Aber: es trifft sie eher zufällig. Dort wo ein Software-Manager wütend hinguckt und Strafanzeige erstattet, da trifft dann der Blitzstrahl der Staatsanwaltschaft und des Urheberrechts.

Das Bewußtsein, Unrecht zu tun, ist verschwindend gering. In einer Fachzeitschrift standen atemberaubende Leserbrief-Bekenntnisse über die Gründe der Kopierwut: Software zu teuer; haben zu wenig Geld; Cracken macht Spaß; Räuber von heute sind die Kunden von morgen; ohne Raubkopie wäre Programm nicht erschwinglich; eine schöne Sucht – das waren die Argumente. Die Staatsanwaltschaft hätte bei jedem der Schreiber eine Hausdurchsuchung machen können. Perfektion, Millionenzahl, Schnelligkeit, Verborgenheit des Raubes ermuntern die Leute. Sie sehen: die anderen tun’s auch. Erwischt werden nur Pechvögel und ganz Dumme.Die anderen ducken sich ängstlich oder erleichtert.