Das ist mit dem Zusammenstoß gemeint: ein strenges, wichtiges Recht – und dessen Ohnmacht gegenüber Millionen kleinen Rechtsbrechern, die sich nicht darum kümmern. Das Recht wird durch die totale Mißachtung lächerlich, aber es gelingt ihm dabei immerhin, die Heuchelei aufzubauen, die mit fast kraftlosem Recht immer verbunden ist: Jeder tut so, als sei bei ihm alles in Ordnung. Die von dem strengen Recht Geschützten gehen leer aus – der Schutz zieht nicht so recht. Die von diesem Recht Gemeinten entwinden sich ihm – das ist für sie ein Kavaliersdelikt, es wird massenhaft begangen, es hat keinen kriminellen Geruch.

Da liegt eine Reform nahe. Da muß etwas geschehen. Ein Rechtsgebiet ohne Autorität. Eine hohe Dunkelziffer. Massenhafte Kriminalisierung braver Bürger. Doch nein, es geschieht nichts. Den Vorschlag, die Sache wie bei den Tonbändern zu organisieren und eine Verwertungsgesellschaft zu gründen, lehnen die Software-Macher und -Vertreiber ärgerlich ab. Sie glauben, es entginge ihnen etwas.

Der Gesetzgeber schläft selig. Den Konflikt zwischen dem PC-Eigentümer und dem Software-Macher deckt er durch Mahnungen zu. Und: er verläßt sich auf die Polizei. Eine – durchaus kräftige – Gebühr auf Computer, Monitoren, Zusatzgeräte, Disketten, die von der erwähnten Verwertungsgesellschaft kassiert würde, könnte den Konflikt zwischen Programmierer und Nutzer beenden: die Verwertungsgesellschaft müßte die Gebühren nach einem ausgeklügelten System – ähnlich denen in der Musik und in den Medien – an die Urheber verteilen. Das kleine Kopieren, die kleine Gefälligkeit für Freunde und Kollegen, würde dann erlaubt. Raub und Diebstahl wären künftig nur, was jemand gewerblich, mit Diebsgewinn, betriebe und vertriebe. Dem kommt man auch leichter auf die Schliche.

Daß ein wichtiges Recht – wie der Schutz des geistigen Eigentums bei Computern – fast hundertprozentig in den Wind geschlagen wird, daß die Verurteilungen zufällig und deshalb zur Abschreckung besonders hart sind, daß den Urhebern mit dieser Methode hohe Einnahmen entgehen und sie dadurch auch in ihrer Kreativität geschädigt werden, das müßte den Gesetzgeber und die Beteiligten nun langsam aufhorchen und nach einer Lösung in diesem Konflikt suchen lassen. Aber hier wird nichts Gründliches gesucht. Raubkopien werden gesucht. Deshalb stoßen täglich, ganz leise, in dieser Republik ein schönes, in den Wind geschriebenes Urheberrecht und eine massenhaft kriminelle Kopierpraxis zusammen.

Hanno Kühnert