Von Joachim Riedl

Zeit seines Lebens führte Werner Nachmann, über zwei Jahrzehnte lang Repräsentant der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik, Klage darüber, daß niemand den Arbeitsaufwand entgelte, den ihm seine Ehrenfunktion abverlangte; seine Firmen litten fürchterlich darunter. Als Nachmann am 21. Januar dieses Jahres einem Herzschlag erlag, würdigten Bundespräsident, Kanzler und Bundestag sein selbstloses Wirken. Doch seit vergangener Woche weiß man: Nur weil er als Vorsitzender des Direktoriums des Zentralrates der deutschen Juden mit Hunderten Millionen Mark aus den Wiedergutmachungszahlungen der Bundesrepublik jonglieren konnte, gelang es dem mittelständischen Unternehmer Werner Nachmann, seine maroden Betriebe in den vergangenen sieben Jahren über Wasser zu halten.

Geschickt auf einem Konto seiner Hausbank, der Karlsruher Zweigstelle der Société Generale Alsacienne, zwischengelagert, brachten die Millionen hohen Zinsertrag. Zunächst waren es Kredite, die der Funktionär Nachmann dem wirtschaftlich glücklosen Unternehmer Nachmann selbstherrlich gewährte. Der konnte das geborgte Geld nicht zurückzahlen. Die Kredite verwandelten sich in Zuschüsse; der Buchhalter war schriftlich angewiesen, Millionensummen ohne Beleg als Kapitaleinlage oder Umsatz zu verbuchen. Schließlich fehlten 33 Millionen Mark auf den Konten des Zentralrates – ob es noch mehr werden, getraut sich keiner der Rechtsanwälte und Buchprüfer, die derzeit das unübersichtliche Finanzkarussell untersuchen, vorauszusagen.

Als die Affäre im Zentralrat ruchbar wurde, fühlten sich viele der Mitglieder „wie vom Donner gerührt“. Nicht der Schatten eines Zweifels hatte zu Lebzeiten die Person des hochverehrten Vorsitzenden getroffen. Bis zuletzt hoffte man, Hinweise finden zu können, daß Nachmann mit den veruntreuten Millionen geheime Projekte – die Unterstützung jüdischer Gemeinden im Ostblock beispielsweise – finanziert hatte. Doch nach einem Treffen des Zentralrates am 12. Mai in Berlin stand fest: Der Ordensträger (Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband) und zeitweilige Inhaber eines Diplomatenpasses der Bundesrepublik, der die deutsch-jüdische Versöhnung nach dem Massenmord der Nazis vorantrieb und symbolisierte, stürzte gleichzeitig die Juden in Deutschland in die „schwerste Krise seit 1945“, wie das Nachmanns Nachfolger als Vorsitzender des Zentralrates, der Berliner Heinz Galinski, nennt.

Nachmann habe sich an „heiligen Konten“ vergriffen, hieß es anschließend. „Er hat die Juden hintergangen“, meinte etwa der Frankfurter Gemeindevorsteher Ignaz Bubis. Der Zentralrat beschloß, vorläufig dreißig Millionen Mark aus dem Nachlaß von Nachmann zu fordern und ein Konkursverfahren zu beantragen; nur so gab es die Möglichkeit, Nachforschungen im Kontogewirr der Nachmannschen Firmen anzustellen. Durch den öffentlichen Konkursantrag wurde die Affäre bekannt; am Donnerstag vergangener Woche wurde das Verfahren eröffnet, und die Staatsanwaltschaft in Karlsruhe nahm mittlerweile Vorermittlungen auf, ob dritte Personen in den Skandal verwickelt sind.

„Nachmann hat ja keine nennenswerte Buchhaltung geführt“, sagt der zum Konkursverwalter bestellte Rechtsanwalt Eberhard Braun aus Achern. Er soll nun der Millionenfährte nachspüren und herausfinden, wann Nachmann welche Summe wohin überwies. Denn zweifelhaft erscheint, daß Unternehmer Nachmann den gesamten Betrag im weitverzweigten Netz seiner Firmen und Beteiligungen versenkte. Beträchtliche Summen seien nach Frankreich und Italien geflossen. Braun will nun die Geschäftsabschlüsse von Nachmanns Firmen unter Abzug der Zuschüsse aus den veruntreuten Wiedergutmachungszinsen rekonstruieren. Nur so könne er sich einen zumindest groben Überblick verschaffen. Vorerst führe die Spur jeder Transaktion ins Ungewisse: eine Überweisung von 250 000 Mark beispielsweise an eine „Rothschildsche Gedächtnisstiftung“, von der nicht einmal feststeht, daß sie überhaupt existiert. Die Verwirrung ist perfekt.

Als sich Familienanwalt Peter Paepcke anschickte, zwei Tage nach dem Tod von Werner Nachmann in dessen Büro im Jüdischen Gemeindezentrum von Karlsruhe nach dem Rechten zu sehen, erwartete ihn ein „Chaos“. Überall lagen Stoffmuster, Prospekte, Schriftstücke und Kontoauszüge verstreut. Von diesem Büro aus hatte Nachmann nicht nur seine Geschäfte im Zentralrat wahrgenommen, sondern auch seine Firmen dirigiert. „Er war ein Alleinherrscher“, weiß Paepcke.