Köln

Gebhard T. mag Männer. Auf die Toilette des Kölner Hauptbahnhofs drängte ihn aber ein anderes Bedürfnis. Dennoch holte ihn die Kölner Bahnpolizei vom öffentlichen Abort. Gebhard T. mußte seine Personalien angeben und erhielt Hausverbot. Das war vor drei Jahren.

Auch Werner E. liebte Männer. Nicht zum erstenmal fand der 38 Jahre alte Kellner im Hauptbahnhof schnell Anschluß. Wie so oft nahm er seinen neuen Freund mit nach Hause. Wenig später war der Kellner tot, erschlagen mit einem Hammer. Das war Ende Januar dieses Jahres.

Gebhard und Werner haben sich nicht gekannt. Dennoch wurde der 26 Jahre alte Medizinstudent zehn Wochen nach dem Mord als Zeuge ins Kölner Polizeipräsidium geladen. Und damit die Polizei nicht auf falsche Gedanken kommt, sollten „Zeuge“ Gebhard T. und weitere 249 geladene Herren aus Köln und anderen Städten dabei auch gleich einen Blutgruppennachweis vorlegen. Seitdem ist in Köln wieder einmal von „Rosa Listen“ die Rede, jenen unsäglichen Karteien, Verzeichnissen oder Dateien über Homosexuelle.

Der erste Verdacht fiel auf die Kriminalpolizei. Schon 1979 hatten drei Kölner Polizeibeamte vor Gericht zugeben müssen, daß sie die Schwulenszene bespitzelt, Namen notiert und sogar Photographien hatten. Nicht nur die Betroffenen und die Gay Liberation Front (GLF) – eine gemeinnützige Vereinigung von Lesben und Schwulen – machte jetzt die en bloc-Vorladung von 250 Homosexuellen oder der Homosexualität verdächtigten Männern stutzig. Die Bundesarbeitsgemeinschaft kritischer Polizisten sah ihren seit langem gehegten Verdacht bestätigt und sprach von „erhärteten Tatsachen, daß im Austausch mit anderen Städten – auch außerhalb des SPD-Bundeslandes Nordrhein-Westfalen – Auskunft über Homosexuelle auf Listen gegeben wird“.

In jedem Fall gehe es zu weit, alle Homosexuelle, die man kenne, zu überprüfen, kritisierte Verbandssprecher, Kriminalhauptkommissar Manfred Such, die Ermittlungsmethoden seiner Kölner Kollegen. Dieses Vorgehen entspreche zumindest der Funktion einer „Rosa Liste“. Den kritischen Polizisten, die unlängst „für rechtsstaatlich-demokratische Zivilcourage im Sinne des Grundgesetzes“ mit dem Gustav-Heinemann-Preis ausgezeichnet wurde, brachte das offene Wort inzwischen eine Strafanzeige ihrer Kölner Kollegen ein.

Glaubt man den Datenschützern, so gibt es zumindest zur Zeit keine bundesweite Homosexuellen-Datei. Gleiches versprechen das Düsseldorfer Innenministerium und die NRW-Datenschützer für ihr Land. Allerdings kommt „Homosexualität“ in den Polizei-Daten als „personengebundener Hinweis“ doch vor. Immer dann, wenn Homosexualität im Zusammenhang mit Straftaten eine Rolle gespielt hat. „PROS“ heißt das Stichwort, und gemeint sind Prostituierte und Stricher.

„Wir können schließlich nicht auf die Ermittlungen verzichten, nur weil die Tat sich in der Szene abgespielt hat“, verteidigte die Kripo ihre auffällig umfangreichen Nachforschungen. Auf Spurensuche gingen auch Gebhard T. und die GLF. Sie fanden heraus, daß ein Teil der vorgeladenen Zeugen den Toten überhaupt nicht gekannt hatte, auch nicht über Dritte. Wie Gebhard, waren sie aber allesamt in den letzten fünf Jahren von der Bahnpolizei angesprochen worden.

Die Bonner Datenschützer meldeten sich in Köln an, und noch ehe diese eingriffen, gestand die Bahn, daß ihre Polizisten den Kripo-Kollegen unter die Arme gegriffen hatten. So wurde denn auch der Bundesbeauftragte für den Datenschutz schnell fündig: In den Räumen der Bahnpolizei fanden seine Helfer eine alphabetisch geordnete Kartei mit den Daten von Personen, die im Hauptbahnhof Hausverbot haben oder hatten. Stichwortartige Hinweise auf den Karten gaben überdies Auskunft darüber, ob die Betroffenen nach Meinung der Beamten homosexuell sind.

Obendrein hatte die Bahnpolizei ihren Kripo-Kollegen Einsicht in die gesamte Kartei gewährt. Zwei Tage lang hatten zwei Kriminalbeamte die etwa 1000 Personen umfassende Sammlung durchstöbert und dabei mehr als 100 Männer, die in der Kartei als homosexuell eingestuft waren, notiert. Beides ist verboten. Die Bahnpolizisten hätten ihren Kollegen allenfalls auf gezielte konkrete Fragen hin Namen herausgeben dürfen, aber nicht die gesamte Kartei, meinen die Datenschützer. Mehr Amtshilfe sei gesetzlich nicht erlaubt. Und noch etwas: die Beamten der Bahnpolizei seien für diese „sensible Aufgabe“ gar nicht ausgebildet.

Bonns Datenschützer fürchten, „daß es anderswo ähnlich ist“. Der Bundesbeauftragte will daher bei der Bahn eine bundesweite Regelung erreichen, nach der die Namen von Personen, die Bahnhofsverbot haben, nach einem Jahr aus der Kartei gelöscht werden.

Die Gay Liberation Front in Köln dagegen fürchtet, daß die 250 Namen, die jetzt in der Ermittlungsakte der Kölner Polizei festgehalten sind, der Anfang einer neuen Rosa Liste sind.

Heinrich Billstein