Von Roger de Weck

Paris, Ende Mai

Am Sonntag wählen die Franzosen ihre Abgeordneten zur Nationalversammlung. Es herrscht aber keine Wahlkampfstimmung. Die Menschen haben mehr Spaß am internationalen Tennisturnier im Stadion „Roland Garros“ als am nationalen Ballwechsel zwischen Politikern. Ohnehin beschäftigt sich Frankreich weniger mit dem Gegenwärtigen als mit den Umständen des eben zu Ende gegangenen Wahlkampfs: Kurz vor der Wiederwahl Mitterrands hatten französische Eliteeinheiten im fernen Überseegebiet Neukaledonien ein Blutbad angerichtet. Haben die Uniformierten drei einheimische Unabhängigkeitskämpfer, die sich bereits ergeben hatten, umgebracht? Nahm der gaullistische Premierminister Chirac ein Massaker in Kauf, um die konservativen und rechtsextremistischen Wähler zufriedenzustellen?

Die Inselgruppe Neukaledonien östlich von Australien wurde vor anderthalb Jahrhunderten kolonialisiert. Derzeit leben dort rund 62 000 Kanaken (Melanesier), 54 000 Weiße und 30 000 Abkömmlinge anderer Volksgruppen. Bis auf den heutigen Tag hat sich auf diesem französischen Überseegebiet ein altertümliches Kolonialsystem erhalten: Sämtliche Reichtümer – die großen Plantagen und die Nickelvorkommen – gehören den Weißen, die man die Caldoches nennt. Ihr Anführer ist der Milliardär Jacques Lafleur, der den Wahlkampf des Präsidentschaftskandidaten Jacques Chirac mitfinanzierte.

In den vergangenen Jahren brachen immer wieder blutige Kämpfe zwischen den zur Unabhängigkeit drängenden Kanaken und den frankreichtreuen Caldoches aus. Präsident Mitterrand aber wollte die Stellung der in ihrer eigenen Heimat an den Rand der Gesellschaft gedrückten Kanaken verbessern. Er teilte die Inselgruppe in vier selbständige Regionen auf: drei mit kanakischer und eine mit weißer Mehrheit. Obendrein versprach er die Independance-Association: Mitterrand wollte Neukaledonien in die Unabhängigkeit bei enger Anlehnung an Frankreich entlassen.

Dank dieser Politik des Ausgleichs kam die Insel zur Ruhe. Die währte freilich nicht lange, denn im April 1986 übernahm der konservative Premierminister Jacques Chirac die Regierung und verfolgte eine provokatorische Politik der Stärke. Zusammen mit seinem reaktionären Minister für die Überseegebiete, Bernard Pons, hob er Mitterrands Reformen eine nach der anderen auf. Die Caldoches wurden in ihrer Vormacht bestätigt. Und in einem Referendum, das die Kanaken boykottierten, sprachen sich an die 60 Prozent der Stimmberechtigten für den Verbleib bei Frankreich aus.

Chiracs rücksichtsloses Vorgehen trieb viele Kanaken vollends in die Radikalität. Am 22. April, kurz vor dem ersten Wahlgang der Präsidentenwahl, entlud sich der Zorn. Auf der Nebeninsel Ouvea griffen bewaffnete Einheimische eine Polizeistation an; sie ermordeten vier und verschleppten weitere 16 Gendarmen. Für den konservativen Premier Chirac, der mit einem von Tag zu Tag stärkeren law-and-order-Gebaren um die Le-Pen-Wähler buhlte, war dies eine ungeheure Herausforderung und Demütigung. Er konnte es nicht fassen, daß ein paar „Wilde“, wie er die Kanaken nannte, eine bestausgerüstete Truppe überrumpelt hatten.