Von Matthias Naß

Lange Zeit hat Lee Kuan Yew seinen Platz in der ersten Reihe der Staatsmänner unangefochten behauptet. Richard Nixon sagte über den Premierminister Singapurs einst: "Die Tatsache, daß ein Führer von der visionären Kraft Lees nicht auf einer größeren Bühne agieren kann, bedeutet einen unermeßlichen Verlust für die Welt." Tatsächlich hatte Lees Wort über die engen Grenzen seiner Inselrepublik hinaus Gewicht, galt Singapur als Modell einer erfolgreichen Entwicklungsstrategie. Aber der aufgeklärte Autokrat Lee ist drauf und dran, seinen Ruf zu verspielen – nicht zuletzt im Weißen Haus.

Auf recht hemdsärmelige Art hat sich der Kleinstaat Singapur mit der befreundeten Supermacht Amerika angelegt. Lees Regierung forderte vom State Department die Rückberufung des Ersten Sekretärs der amerikanischen Botschaft, Mason Hendrickson, weil dieser sich in die inneren Angelegenheiten Singapurs eingemischt habe. Hendrickson, so der Vorwurf, habe gemeinsam mit zwei weiteren "hohen amerikanischen Beamten" regimekritische Rechtsanwälte ermuntert, bei den noch in diesem Jahr erwarteten Parlamentswahlen als Oppositionskandidaten gegen die regierende People’s Action Party (PAP) anzutreten. Am Geld, hätten die Amerikaner bedeutet, sollten die Kandidaturen nicht scheitern.

Handels- und Industrieminister Lee Hsien Loong, ältester Sohn Lee Kuan Yews mit guten Chancen auf dessen Nachfolge, erklärte, nur die diplomatische Immunität habe Hendrickson vor der Verhaftung bewahrt. Einen geplanten Besuch in den Vereinigten Staaten sagte er mit der Begründung ab, er habe "Besseres zu tun".

Singapurs Presse trommelt gegen Amerika: Washington wolle dem Stadtstaat sein Verständnis von westlicher Demokratie aufzwingen. Die Zeitungen raunen von einer Verschwörung der CIA. Das State Department, verwirrt und schockiert über die anti-amerikanischen Tiraden, rief Hendrickson zurück. Aus Protest gegen die aus Sicht Washingtons grundlosen Anschuldigungen verwies es im Gegenzug einen Diplomaten Singapurs des Landes.

Singapur glaubte offenbar, wegen seiner für Washington bedeutsamen strategischen Lage den wichtigsten Handelspartner ungestraft ohrfeigen zu dürfen. Ein Viertel seiner Exporte geht in die Vereinigten Staaten, auf amerikanische Firmen entfällt rund ein Drittel aller ausländischen Investitionen. "Wir sind eine stabile Gesellschaft in dem Teil der Welt, in dem Amerika Freunde braucht", verkündete Lee Hsien Loong.

Wenn sich der ebenso arrogante wie intolerante Aufsteigerstaat da nur nicht übernimmt. Widerspruch hat Lee Kuan Yew in den 29 Jahren seines Regiments nie geduldet. Ihren Wohlstand haben die 2,6 Millionen Singapurer, die heute im Durchschnitt mehr verdienen als Italiener, Spanier und Neuseeländer, mit erzwungener politischer Enthaltsamkeit bezahlt. Vier Fünftel von ihnen leben in Eigentumswohnungen, Gesundheits- und Erziehungssystem sind vorbildlich, die Verwaltung arbeitet effizient, Korruption gibt es nicht. Dafür, meint Lee Kuan Yew, könne das Regime vom Volk Dank und Anerkennung erwarten.