Eine Tochter porträtiert ihren Vater: zur Biographie des Bankiers Alwin Münchmeyer

Von Karl-Heinz Büschemann

Unternehmer, das sind Macher, entschlossene Dynamiker, die blitzschnelle Entscheidungen treffen und immer eiskalt sind. So will es das Klischee.

„Ein Leben lang habe ich mich in den Schlaf geflüchtet, wenn es galt, bedrohliche Situationen zu meistern.“ So redet doch kein Unternehmer? Dieser Satz stammt von Alwin Münchmeyer, einem angesehenen früheren deutschen Privatbankier und hohen Repräsentanten der bundesrepublikanischen Wirtschaft. Immer wieder übermannte ihn der Schlaf, auch bei ganz familiären Anlässen. „Als das Telephon klingelte, war meine Tochter Karen geboren.“ Alwin Münchmeyer hat aber nicht nur die Geburt seines ersten Kindes verschlafen, auch als seine Bank 1983 spektakulär Pleite machte, war Münchmeyers erste Reaktion, sich aufs Ohr zu legen. Auch schon viel früher konnte ihn etwa das Dritte Reich nicht aufwecken: „Wir haben uns verhalten wie die berühmten drei Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Wir haben uns arrangiert.“

Das ist die eine Seite von Alwin Münchmeyer. Die andere ist die auch im physischen Sinne imposante Erscheinung der Hamburger Gesellschaft. In seiner Vaterstadt Hamburg hat er sich allergrößtes Ansehen erworben, seit er 1937 in die Außenhandelsfirma mit angeschlossenem Bankhaus Münchmeyer & Co. eintrat, die schon sein Urgroßvater an der Elbe gegründet hatte. Wie bereits sein Vater wurde auch er honoriger Präses der Handelskammer der Hansestadt, später sogar Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT). Dem Deutschen Bankenverband diente er als Präsident und dem Aufbau-Bundeskanzler Konrad Adenauer als einflußreicher Berater. Alwin Münchmeyer konnte mit Fug und Recht von sich behaupten, ein „wichtiger Mann“ zu sein. 1983, als er 75 Jahre alt wurde, da standen die Honoratioren Schlange, um ihm zu gratulieren.

Doch dann war dieser Vertreter der ersten Hamburger Gesellschaft und der Miteigentümer der fünftgrößten bundesdeutschen Privatbank ruiniert. Die Bank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. (SMH) war am Allerheiligentag 1983 zusammengebrochen. Das traditionsreiche Haus hatte einem windigen unternehmerischen Senkrechtstarter vertraut – dem Baumaschinenhersteller Horst Dieter Esch –, hatte ihm gerne großzügige Kredite eingeräumt und war dann von diesem vermeintlichen Selfmademan selbst in die Tiefe gerissen worden. Das ist ein Leben: Aufstieg und Fall sind immer gut für eine Biographie, denn große Wirtschaftsführer plaudern selten aus dem privaten Nähkästchen wie dem geschäftlichen Alltag. Wie war das nun genau mit der Pleite, die den SMH-Mitgesellschafter Graf Galen hinter Gitter führte und Alwin Münchmeyers Sohn Hans-Hermann eine Bewährungsstrafe einbrachte? Welche Rolle spielte die geheimnisumwitterte Galen-Gattin, von allen wegen ihrer dunklen Hautfarbe „Lumumba“ genannt, in diesem Wirtschaftskrimi? Und welche Rolle spielte Münchmeyer selbst bei dieser blamablen, von einem unternehmerischen Scharlatan ausgelösten Pleite; schließlich saß er im Beirat des zusammengebrochenen Bankhauses?

Sehen wir in die Biographie des Alwin Münchmeyer, die jetzt zu dessen 80. Geburtstag erschienen ist.

  • Stephanie von Viereck: Hinter weißen Fassa-

den. Alwin Münchmeyer – Ein Bankier betrachtet sein Leben.

Rowohlt Verlag, Reinbek 1988; 356 Seiten, 39,80 DM.

Über die Bankpleite stand sogar in den Zeitungen mehr Erhellendes als in diesem Buch, das so ganz dem Bild der klassischen Biographie entspricht – und dennoch anders ist. Ein Mann erzählt in der Ich-Form, doch der Autor ist nicht Münchmeyer selbst, sondern Stephanie von Viereck, die jüngste Tochter des Bankiers. Die Suche der Tochter nach dem Vater macht dieses Buch spannend vom ersten bis zum letzten Kapitel.

Blick hinter Fassaden

Die Tochter – gelernte Journalistin – hat sich nicht auf die Rolle des geduldigen Mikrophonständers und ghostwriters beschränkt, und sie hat ihrem Vater keine Chance zur Selbstbeweihräucherung gelassen. Sie (Jahrgang 1955) hat den Vater, den sie kaum kannte, weil er immer „keine Zeit“ hatte, und der vom Alter her auch ihr Großvater sein könnte, mit Fragen konfrontiert, die er sich in seinem langen Leben selbst nie gestellt hatte. Er hatte es nicht gelernt, denn als er noch zu Kaisers Zeiten geboren wurde, „war die Welt schon fertig“.

Dieses Buch erlaubt einen Blick hinter die weißen Fassaden der Bürgerhäuser an Alster und Elbe, in denen nichts zählte, was jenseits von Soll und Haben liegt, und wo kaum etwas so wichtig ist wie die sprichwörtlich weiße Weste. Alwin Münchmeyer mag zum Beispiel nicht daran denken, wie die Bank zusammenbrach, die zu einem Drittel seiner Sippe gehörte. Am liebsten wurde er diesen Tag aus seinem Leben „verdrängen“, denn es war der Tag, der ihn ruinierte. Doch der stolze Privatbankier der ganz alten Schule spricht nicht vom Geld, das er und seine Familie in diesem Zusammenbruch verlor. Münchmeyer bangte um Unwiederbringliches: „um den Verlust der Achtbarkeit“.

Die Weste muß weiß bleiben – gleichgültig wie es darunter aussieht. Die Autorin gibt schon im Vorwort einen Einblick ins Hamburger Kaufmannstum. Die hanseatischen Kaufleute „sind nicht schlechter als andere, sind stets und immer auf ihren geschäftlichen Vorteil bedacht, spinnen Intrigen, pflegen Liebschaften und dergleichen mehr“. Auch den Unterschied zu den Nicht-Hanseaten erläutert sie. „Daß sie es verstehen, sich den Anschein zu geben, besser zu sein, aufrechter, anständiger, moralischer eben.“ Noblesse oblige.

Im Geschäft wie zu Hause sind die Riten unumstößlich, bisweilen gespenstisch. Der Sonntagabend gehört der Familie, und wehe ein Besucher wagt es, diesen Brauch zu stören. Montags trifft man sich im philharmonischen Konzert, wobei die Musik die geringste Rolle spielt. („Es gehörte einfach dazu, dort gesehen zu werden.“) So gibt es Riten für Dienstag, Mittwoch und so weiter. Die gute Kinderstube mit unzähligen Kinderfräuleins und dem Vater obendrüber sorgte fürs Gehorchen: „Das Anerkennen von Macht war ein Element unserer Erziehung.“

Alwin Münchmeyer hat viele Politiker kommen und gehen sehen, Kaiser, Reichspräsidenten und Reichskanzler, zum Schluß Bundeskanzler. Alle waren ihm gleichgültig – solange sie die Geschäfte nicht störten. Der einzige Politiker, der einem wie Münchmeyer ausgesprochenes Unbehagen bereitete, war – nicht Hitler. Den hatte er akzeptiert. Willy Brandt war es, dem gegenüber Münchmeyer seine sonst übliche Reserve verläßt und im Urteil allenfalls schwankt zwischen offenem Spott und unverkennbarem Mißtrauen. „Wir haben ihn nicht verstanden“, sagt er (und zahllose deutsche Unternehmer) über diesen Bundeskanzler, der die Ost-West-Entspannung symbolisiert und mit dieser Öffnung den Unternehmern sogar neue Geschäfte mit dem Ostblock ermöglichte. Aber Brandt war Sozialdemokrat, und mit denen können Unternehmer à la Münchmeyer eben nichts anfangen. Es sei denn, sie können Soll und Haben auseinanderhalten. Helmut Schmidt konnte es. Deshalb sah Münchmeyer auch darüber hinweg, daß Kanzler Schmidt der SPD angehörte.

Und Hitler? Der NSDAP ist Münchmeyer nicht beigetreten. Die Nazis waren für ihn und die vornehmen Hamburger Menschen, die sich nicht zu benehmen wußten. Davon hielt man sich fern. Aber die Vorteile, die die Diktatur bot, wurden dankbar genutzt. Wenn Exportfirmen wie Münchmeyer & Co. damals bei ihren Ausfuhrgeschäften Verluste machten, dann half der Hitler-Staat mit Subventionen. „Wir Kaufleute waren privilegiert. Wir brachten dem Führer Devisen ins Land.“ Wer nur auf das Geschäft schaut, der kommt zurecht. „Ich begann, die Nationalsozialisten als nützliches Übel zu betrachten.“ Münchmeyer wußte von den Konzentrationslagern, er gesteht auch ein, daß er den Hitler-Faschismus „bis zur Unendlichkeit verharmloste“. Schlimm waren für Münchmeyer und die vornehmen Hamburger nicht Konzentrationslager oder Judenverfolgung. Die stolze Hamburger Handelskammer mußte sich im Dritten Reich den Namen Gauwirtschaftskammer „gefallen lassen“. Das tat weh.

„Die Hamburger retteten ihre Anständigkeit mühelos über die Nazizeit hinweg“, sagt heute die Tochter. Nach dem Krieg ging es dann nahtlos in den Wiederaufbau uber. Vater Münchmeyer machte Karriere als Wirtschaftsführer. Die Tochter sagt über ihren Vater und sein Verhältnis zum in Trümmer gegangenen tausendjährigen Hitler-Reich: „Sein Gewissen blieb unbenutzt.“

In „Hinter weißen Fassaden“ kommt ein Mann zum Vorschein, dem seine Umwelt allerhöchsten Respekt zollt, doch es wird spürbar, daß Münchmeyer bei aller Wichtigkeit seine Welt nicht überragt. Dieser Mann hatte niemals den Anspruch an sich, etwas anderes zu sein als Kaufmann. Kein Gedanke von Alwin Münchmeyer ist neu, keine Handlung war unbequem.

Ein Mann kommt zum Vorschein, dem jedermann das Attribut Persönlichkeit mit Leichtigkeit zugestehen würde. Wo er stand, war automatisch vorne. Trotzdem: Münchmeyer verrät keine unverwechselbare Identität. Der Leser erfährt es auch, daß es viele Münchmeyers gab, die sich in den Ehrenämtern, die Hansestadt und Kaufmannschaft zu vergeben hatten, gegenseitig beerbten. Was Münchmeyer auszeichnete, kam vom Vater: Vermögen wie politische Meinung waren geerbt.

Münchmeyer saß an zentralen Schalthebeln der Wirtschaft. Er war politischer Berater der jungen Bundesrepublik; privat kaufte er in der Panik der Koreakrise der fünfziger Jahre einen mit Lebensmitteln vollgestopften Seelenverkäufer – für die mit Sicherheit unmögliche Flucht der Familie über das Meer, falls die Russen kommen.

Die einzige Sünde

Alwin Münchmeyer erzählt solche Geschichten heute selbst, sogar voller Humor und mit viel gegen sich selbst gerichteter Ironie. Auch aus seiner ausgeprägten Eitelkeit macht dieser steife Hanseat überhaupt keinen Hehl. Sie ließ ihn sogar ganz und gar unhanseatisch reagieren. Mit spürbarer Dankbarkeit nahm Alwin Münchmeyer in seiner Zeit als DIHT-Präsident das große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband an, was ein Hanseat aus traditionellen Gründen normalerweise nicht tut. Münchmeyer ließ sich den Orden von Ludwig Erhard überreichen. „Ich sagte meinen Spruch von den Hamburgern und den Orden her und schob alle Verdienste auf den DIHT.“ Er hat später auch viele Orden angenommen. „Sündenfälle“ nannte er das. Dem puritanischen Protestanten Münchmeyer ist zuzutrauen, daß dieses die einzigen Sünden seines Lebens waren, die er wirklich genossen hat.

Solche Widersprüche sind aber keine Gründe, sich mit den heutigen Augen über einen alten Patriarchen zu erheben, der scheinbar schon im Gehrock zur Welt gekommen ist. Münchmeyer selbst hat mit Hilfe seiner Tochter den Mut gefunden, die sichere Deckung zu verlassen. Doch ein Mann, der sich mit erhobenen Händen ausliefert, ist keine Zielscheibe mehr – nur noch ein Spiegelbild für zahllose Zeitgenossen, die immer genau dann die Augen verschließen, wenn es auf sie ankommt.