An der Rheinpromenade regnet es weiße Blüten auf Kinder, Hunde und Kurgäste, der Holunder strömt seinen starken Geruch aus, drüben dampft das Siebengebirge, hin und wieder orgelt ein Ausflugsdampfer vorbei: Von diesem Eidyllon aus wird Westdeutschland regiert. Die Innenstadt von Bad Godesberg ist eine einzige Fußgängerzone: Noch fast neue Klinkerbauten formieren sich zu Arkaden, Parkhäusern, Ladengassen. Die Lokale sind international und heißen Il Pomodoro, Da-Tung, Confetti’s oder Mythos. Der Polizeibericht im Generalanzeiger notiert zweimal Mißachten der Vorfahrt, eine Unfallflucht, und daß eine Schülerin angefahren wurde.

Wer die Schönheit der Rheinauen sieht, will nicht mehr glauben, daß es was anderes auch gibt, Terror, Gewalt, das unbezähmbar Böse. Aber es muß selbst hier irgendwo sein, denn warum sonst patrouillieren hier unablässig die Jeeps der Polizei, warum sonst knattern ständig Hubschrauber über die friedvolle Natur, warum sonst, hätte ich beinahe gefragt, leuchten die Buchstaben CDU so rot durch die Nacht?

Ausgerechnet hierher ging die Welturaufführung von Anthony Burgess’ "Clockwork Orange". Burgess war mit Stanley Kubricks Verfilmung nie einverstanden gewesen, wahrscheinlich weil der Film so perfekt geriet, daß er seine Vorlage vollständig verdeckte. Außerdem hatte Kubrick die amerikanische Fassung des Romans zugrundegelegt und auf das letzte Kapitel, in dem Alex zum braven Staatsbürger wird, verzichtet.

Es war immer etwas schwierig gewesen, im Kino neben der Freundin zu sitzen, womöglich noch ihre Hand zu halten und den Film trotzdem zu genießen. Die Frauen konnten mit "Clockwork Orange" nichts anfangen: blutrünstige Schlägereien ohne Ende, drei Vergewaltigungen, dazu ein Mord mit einer Phallusskulptur – das war zuviel für sie.

Stanley Kubrick kannte sich aus mit der Gewalt, er inszenierte sie so feierlich, als sei sie schützenswertes Kulturgut, und er wurde ums Verrecken nicht moralisch. Kubrick hatte den 1962 erschienenen Roman Seite für Seite, wie eine Partitur, verfilmt; die nicht wegzuerklärende Gewalt war also allein der Vorlage anzulasten. Burgess hatte bei einer Reise nach Leningrad die russischen Hooligans erlebt, und er kannte natürlich die Mode- und Straßenschlachten, die sich um 1960 die Teds und Mods in England lieferten. Seine Frau war im Krieg von Soldaten vergewaltigt und schwer mißhandelt worden, doch in seinem Roman propagierte er das Menschenrecht auf Unrecht.

Die Toten Hosen

Sein jugendlicher Delinquent Alex weiß sich nicht anders als mit Gewalt auszudrücken, er schlägt sich so durchs Leben und wird schließlich sogar zum Mörder. Das Gefängnis vermag seine kriminelle Energie nicht zu dämpfen, das gelingt erst mit der Ludovico-Methode, die ihn vollständig umpolt und einen guten Menschen aus ihm macht. Alex wird als geheilt entlassen, weil er jetzt jede Form von Brutalität verabscheut. Nebenbei haben sie ihm seine Liebe zur Musik ausgetrieben, von Beethoven wird ihm jetzt so schlecht wie beim Aufkeimen seiner alten Mordgelüste. Bis ihn ein Selbstmordversuch aus dieser positiven Verstärkung befreit...