Von Dieter Buhl

Ob Männer Geschichte machen und historischer Wandel sich über Nacht vollzieht – darüber läßt sich trefflich streiten. Der Glaube an die menschliche Gestaltungskraft stirbt, Gott sei dank, nie aus. Auf jeden Fall können sich Situationen ergeben, in denen die richtigen Akteure zum richtigen Zeitpunkt, wenn nicht die Welt, so doch Wille und Vorstellung verändern. Der Moskauer Gipfel zählt zu diesen seltenen Augenblicken.

Gewiß, wer den Erfolg solcher Treffen allein an Abrüstungspapieren mißt, wird keinen Durchbruch bei der Friedenssicherung erkennen. Was im Kreml abgezeichnet wurde, die gegenseitige Benachrichtigung über militärische Raketenstarts und mehr Transparenz bei Nukleartests, fügt sich allenfalls zu einer winzigen Verringerung der Bedrohung. Auch die Anstöße zur Vollendung des Abkommens über strategische Waffen (Start) blieben hinter vielen Erwartungen zurück. Dennoch keimt nach Moskau neue Hoffnung auf weniger Waffen in der Welt. Sie fußt nicht auf konkreten Absprachen der Supermachtführer. Die Chance zum Abbau der Arsenale liegt vielmehr in der psychologischen Abrüstung, die Reagan und Gorbatschow betrieben.

Vom amerikanischen Präsidenten stammt die dialektische Formel, daß sich die Großmächte nicht mißtrauen, weil sie bis zu den Zähnen bewaffnet sind, sondern daß sie Waffen anhäufen, weil sie sich mißtrauen. Wenn diese Gleichung stimmt, hat das Kreml-Treffen mit dem Abwracken beiderseitiger Vorurteile einen entscheidenden Fortschritt gebracht. Allein Reagans Sinneswandel war diesen Gipfel wert. Mag seine Kehrtwende vom Reich des Bösen zum Reich der Besserung mit noch so vielen Einschränkungen versehen sein, sie wird ihre entwaffnende Wirkung auf die Geister in Amerika wie in der Sowjetunion nicht verfehlen.

Die Verteufelung hat als weltpolitisches Instrument erst einmal ausgedient. Dafür spricht auch, daß sich die Gipfelpartner gegenseitig ernsthafte Friedensliebe bescheinigten und die Gemeinsamkeiten ihrer Völker beschworen. Wo soviel Einsicht waltet, kann der Rüstungswahn keine neuen Blüten treiben. Dringender denn je werden Amerikaner und Sowjets jetzt vielmehr danach fragen, warum ihre Länder zusammen täglich anderthalb Milliarden Dollar für die Rüstung verschwenden.

Den Gipfel des Mißtrauens haben Reagan und Gorbatschow allerdings noch längst nicht überwunden. Wohl aber errichteten sie ein Basislager beim Anstieg zur emotionellen Entwaffnung. Schon von dort ergeben sich Perspektiven, die noch vor wenigen Jahren undenkbar erschienen:

  • Der Dialog der Supermächte erhält einen dreifachen Schub. Ihm werden zunehmend die ideologischen Spitzen genommen, er wird umfassender und belastbarer. Das Zwiegespräch ist nicht mehr nur auf Raketenzahlen fixiert, und es kann selbst die öffentliche Behandlung des Themas Menschenrechte ohne größere Verkrampfung ertragen.
  • Die Verzahnung der bilateralen Interessen mindert das Risiko einer Konfrontation. Vom Gipfel gingen starke Impulse für die wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit aus. Und dieses alltägliche Geschäft kann das Fundament der Supermachtbeziehungen nachhaltiger festigen als noch so wohlklingende Friedensdeklarationen.
  • Beim Umgang mit den Regionalkonflikten in aller Welt soll künftig die Diplomatie Vorrang haben vor der Gewalt. Der sowjetische Abzug aus Afghanistan verleiht einer Absicht Glaubwürdigkeit, die laut Gipfelversprechen bald auch in Angola und Kambodscha zur Tat werden soll.