Wer kennt ihn schon, den Joseph D., und fragt ihn einmal jemand, ob er vielleicht etwas für ihn tun könne, sagt er: "Nimm mir die Erinnerung ab." Gerade acht war er, als sein Vater mit ihm in Kattowitz hinter dem Sarg der Mutter herging. Und was machte der Vater dann? Nahm den Joseph, gab das Weiß Warengeschäft auf, diesen Laden voller Nähgarn und Nähseide, Knöpfe und nochmal Knöpfe, Bett- und Unterwäsche, und fuhr dritter Klasse nach Berlin, wo die anderen Juden waren, die mit Geld und die in der Regierung. Und der Vater dachte sich: Sie werden die Weißwaren von mir an der Tür kaufen, preisgünstig wie nie zuvor.

Josephs Vater sagte ihnen alles auf deutsch. Das mußten die beiden lernen, polnisch redeten zu viele von Tür zu Tür. Und die Juden, die das Geld hatten, konnten rechtzeitig flüchten; sich retten, sagte der Vater, aber Weißwaren brauchte auch dann noch jeder kreuz und quer durch ganz Berlin. Und dabei ertappten sie ihn; Joseph stand unten im Treppenhaus, und der Vater tat so, als kannten sie sich nicht, das hatten sie verabredet. Und weil Joseph die Schule nicht regelmäßig besuchen konnte und schöne Geschichten langweilig fand, holten sie ihn auch und das Weißwarenlager auf dem Dachboden. Einer von denen sagte, daß er ja noch ein halbes Kind sei. Das merkte sich Joseph, und das sagte er immer, wenn er was gefragt wurde.

In drei Lager schleppte man ihn, bis die Amerikaner ihn herausholten und Photos mit ihm zusammen machten, ihm, dem Joseph, dem halben Kind, und ihn vollstopften mit Dosenfleisch und Schokolade. Und was lernte er in Bergen-Belsen, wo er so lange wie möglich blieb, er wußte doch nicht, wohin: wie man Brillanten beurteilt und Uhrwerke, Goldsachen und Service aus echtem Silber. Nicht in Weißwaren machte der Joseph D. weiter, Gold und Edelsteine mußten es sein, Vermögen, die man in die Tasche stecken konnte. Er dachte immer wieder an Flucht.

Geld für ein Juweliergeschäft wollte man ihm leihen, sein KZ-Ausweis war ein Garantieschein dafür, und die Wiedergutmachung mußte noch hinzukommen; Schulgeld und Haftentschädigung. Was aus Joseph geworden ist? Er hat keinen Laden, dessen Auslage glänzt, die Wäre trägt er bei sich und ist damit unterwegs zu Schaustellern, Pferderennbahnen, Goldschmieden und Gelegenheitskäufern. Man sieht ihn auf jeder Auktion. Einen Gewerbeschein hat er, Steuern zahlt er, preiswert bleibt er, eine Frau hat er nicht, fürs Alter hat er genug. Und zufrieden ist er, weil in seinem Kundenkreis niemand neugierig ist, er nirgendwo als Störenfried gilt, sich am Rande als Deutscher fühlt, aber irgendwie alles, naja, tragisch bleibt...