Von Heinz-Günter Kemmer

Im Ausland zwar, aber doch auf eigenem Boden setzten die RWE-Vorstandssprecher Friedhelm Gieske und Günther Klätte ihre Unterschrift auf ein Vertragswerk, das Deutschlands größten Stromerzeuger zu einem der Großen im deutschen Mineralölgeschäft macht. Denn durch den Kauf der Deutschen Texaco und deren Zusammenschluß mit der zum RWE gehörenden Gesellschaft Union Rheinische Braunkohlenkraftstoff AG in Wesseling bei Köln – Firmenkürzel UK – entsteht ein "mit den großen Unternehmern der Branche vergleichbarer Wettbewerber", wie Gieske formulierte. Rund 2,1 Milliarden Mark kostet das RWE der Aufstieg in die Spitzenklasse.

Tatort waren die Büros der Société Electrique de l’Our in Luxemburg, an der das RWE mit 41 Prozent beteiligt ist. Und in Luxemburg wurde der Vertrag unterzeichnet, weil sich so 2,5 Millionen Mark Börsenumsatzsteuer sparen lassen – kein schlechter Auftakt für ein Geschäft, von dem Gieske hofft, daß es auch für die rund 200 000 Aktionäre seines Unternehmens ein Erfolgserlebnis wird. Stolz verkündete er, daß die Deutsche Texaco ihrer amerikanischen Mutter in den letzten zehn Jahren rund 950 Millionen Mark Dividende überwiesen hat und daß "das erheblich diversifizierte Geschäft der Texaco bei Berücksichtigung aller Unternehmensbereiche einschließlich der Chemie und des Bereichs Aufschluß und Gewinnung profitabel" sei. Im Klartext: Die Texaco muß wie alle anderen in der Bundesrepublik tätigen Gesellschaften bei der Verarbeitung und dem Vertrieb von Mineralöl Verluste hinnehmen. Die Chemietochter Condea in Brunsbüttel sowie die Förderung von Öl und Gas bringen jedoch genug ein, um diese Verluste mehr als auszugleichen.

Aber trotz ihres Glaubens an eine glückliche Zukunft des Neuerwerbs wollen die RWE-Manager das Geschäft nicht allein machen. Vielmehr verhandeln sie mit der norwegischen Statoil über deren Beteiligung an ihren Mineralölinteressen. Und diese Verhandlungen scheinen ziemlich weit gediehen zu sein. Schließlich ist mit den Norwegern schon gesprochen worden, bevor das Texaco-Geschäft zur Diskussion stand. Damals ging es um eine Beteiligung von Statoil an UK.

Mit der Übernahme der Texaco müßte das Interesse der Norweger wachsen, denn nun winkt weit mehr gesicherter Ölabsatz in der Bundesrepublik als bei einem Geschäft nur mit UK. Die neue Gruppe hat am deutschen Mineralölmarkt immerhin einen Anteil von elf Prozent und verfügt mit mehr als 2200 Tankstellen über das nach Aral zweitgrößte Netz.

Überdies trauern die Norweger noch immer verpaßten Chancen in der Bundesrepublik nach. Mitte der siebziger Jahre hatte sich ihnen nämlich die Möglichkeit geboten, bei der Veba einzusteigen. Odd Göthe, damals Verhandlungsdirektor im norwegischen Ministerium für Wirtschaft und Industrie, sieht das in einem jüngst erschienenen Buch so: "Nachträglich gibt es allen Grund zu beklagen, daß man sich von norwegischer Seite her so zögernd gezeigt hatte. Die Integration mit den deutschen Raffinerien und Öl- und Gasvertrieb hätte sich gut in die langfristige norwegische Öl- und Gaspolitik eingefügt."

Wenn die Statoil nicht anbeißt, will sich das RWE einen anderen Partner aus dem Kreis der Ölförderländer suchen. Bewerber gebe es genug, versicherte Gieske. Aber die Norweger, die ihre Ölförderung von 23 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr bis Anfang der neunziger Jahre auf vierzig Millionen Tonnen steigern wollen, sind auf den deutschen Markt durchaus erpicht. So heißt es in einer Statoil-Stellungnahme: "Durch eine Zusammenarbeit und ein Joint Venture mit RWE eröffnet sich Statoil Absatzmärkte für Rohöl und Produkte auf dem größten Importmarkt Europas sowie eine Möglichkeit, sein Raffinerie- und Vertriebsnetz außerhalb Skandinaviens auszubauen."