Die Angeklagte bezeichnet ihren damaligen Zustand als "verwirrt und bewegt"; sie habe nämlich eins dieser Bücher gelesen, die einen fesselten und nicht wieder losließen. Als sie einmal von dem Schmöker hochsah, stürzte der Vater des Kindes, das sie zu beaufsichtigen hatte, auf sie zu und versuchte sie zu umarmen; sie ließ sich’s gefallen. Die Angeklagte gab weiter an, sie hätten sich "gewaltsam und schmerzlich" getrennt, denn die Kindsmutter erwartete die Babysitterin mit dem Jungen zurück. Die Sonne war bereits untergegangen, es begann zu dämmern, weshalb die Angeklagte den Weg durch den Park mit einer Kahnfahrt über den See abzukürzen hoffte. In ihrer hoffnungslosen Gefühlsverwirrung habe sie das Buch, das Kind und das Ruder ständig zwischen ihren beiden Händen hin und her gewechselt, bis ihr beim Einsteigen in das Boot alle drei zugleich entglitten seien. Vom Leibchen des Jungen hätte sie einen Zipfel erst dann zu fassen bekommen, als das Kind schon ertrunken war.

Das Lesen ist, wie figura zeigt, eine extrem gefährliche Betätigung. Die Babysitterin, die sich so gründlich in ihrem romantischen Thriller festlas, daß sie Wahn und Wirklichkeit durcheinanderbrachte und sich sogar eine fahrlässige Tötung vorwerfen lassen mußte, sollte all denen zur Warnung dienen, die immer noch meinen, daß Lesen bilde oder gar eine nützliche Tätigkeit sei. Die süchtige Leserin Ottilie, von der Goethe vor 180 Jahren in den "Wahlverwandtschaften" allen zur Warnung berichtet hat, zeigt die Symptome eines Sozialschädlings: Sie zerstört eine Ehe, verschuldet den Tod eines Kindes und stirbt schließlich auch noch selbst an Magersucht.

Ottilie war nicht nur das "bleiche himmlische Kind" in einer sehr konstruierten Vierecksbeziehung, sie ist auch das typische Opfer der Romanlesesucht, wie sie seit den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts in Deutschland grassierte und vor allem die Frauen erfaßte. Sie waren bald zu nichts mehr zu gebrauchen, weil ihnen die Welt außerhalb ihrer Leihbibliotheksromane irreal wurde. Pädagogen, Priester und eben auch unser Olympier wandten sich mit aller Macht gegen diese Epidemie, allein, sie war nicht mehr aufzuhalten: Nach den Frauen lasen die Kinder, schließlich fanden sogar verweichlichte Männer Gefallen am Lesen. Bald frönte das halbe Deutschland dieser perversen Lust am Buch.

Wir wissen, wie die Geschichte weiterging: Kaum hatten sich die Kulturwächter zähneknirschend mit der Lesewut abgefunden, entdeckte das Volk die Reize des Radiohörens, des Kinos, des Fernsehens und schließlich – Gipfel des Satankultes – die des Videos. Wenn wir Neil Postman, Noelle-Neu- und Jürgen Möllemann richtig verstanden haben, amüsieren wir Deutschen uns ganz besonders schnell zu Tode, weil wir a) zu vergnügungssüchtig sind, b) zu linkslastig informiert werden und c) über immer weniger Allgemeinbildung verfügen. Die letzte Rettung vor der totalen Vergnügungsgesellschaft scheint darin zu bestehen, daß wir nur mehr lesen, Tag und Nacht, und natürlich lauter gute Bücher.

Dieses hochwohllöbliche Anliegen durchzusetzen, wurde die Stiftung Lesen gegründet. Als Nachfolgeorganisation der Deutschen Lesegesellschaft soll sie helfen, den funktionalen Analphabetismus abzubauen und den Verlagen und Buchhändlern ihre Kunden zu erhalten. Angeblich liest die Hälfte der Bundesbürger so gut wie nie; dem soll mit Kampagnen wie "Weiterkommen durch Bücher" begegnet werden. (Damit sich der Arbeitslose statt in seine Eckkneipe in die Stadtteilbücherei setzt?) Man will den "latenten Leser" ansprechen, ihn allerdings nicht zur "Vielleserei" anstiften, sondern ihm beratend zur Seite stehen, wenn er nach einem guten Buch sucht.

Diese und ähnlich treuherzige Vorschläge förderte die Tagung "Leseerziehung + Leseförderung – Lesekultur?" in Mainz zutage. Das Lesen, erst recht die bürokratische Beschäftigung mit der schwindenden Leselust der Deutschen, scheint eine außerordentlich frustrierende Tätigkeit zu sein, weil man sich offenbar immer wieder treffen muß, um Erfahrungen auszutauschen. Vermutlich geht den Experten dann der Mund über, sie müssen ja ihre Daten über das je unterschiedliche Beißverhalten der Bücherfresser von Hagen und Solingen miteinander abgleichen.

Über allem waltet als sogenannter Spiritus rector der Noch-Kulturreferent Hilmar Hoffmann, der eben mal schnell aus Frankfurt herüberschaute, um seine künftigen Paladine in Augenschein zu nehmen. Gleich bei der Gründung der Stiftung Lesen am 1. März hat sich der 63jährige Hoffmann nämlich zum Bevollmächtigten wählen lassen, um sich den Platz für die in zwei Jahren fällige Pensionierung rechtzeitig vorzuwärmen.