Mit Friedrich dem Großen fing es an. Es folgten Martin Luther und Otto von Bismarck. Die DDR, die sich anfangs als rein revolutionäre Schöpfung verstand, sucht seit Jahren nach ihren historischen Wurzeln, begreift sich immer mehr als geschichtliches Gebilde. Doch bisher beschränkten sich die Funde auf die großen Gestalten der Vergangenheit. Nun kommt endlich auch Auschwitz ins Blickfeld: Die DDR besinnt sich auch auf diesen dunklen Teil des gesamtdeutschen Erbes.

In seinem ersten Gespräch mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, dem Westberliner Heinz Galinski, hat der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker einige bedeutende Zugeständnisse gemacht: An die hundert Millionen Dollar sollen, je nach der Devisenlage, als Wiedergutmachung an Juden gezahlt werden. Mindestens ebenso wichtig: Die parteipolitisch gelenkte Presse soll künftig ausgewogener über Israel berichten.

Früher lautete die Lesart in Ost-Berlin: Die anderen Deutschen haben die Last der Vergangenheit allein zu tragen, wir sind rein und ohne Schuld. Das war pure Antifaschismuspropaganda und eine Lebenslüge. Ihre schreckliche Geschichte gehört beiden Deutschlands. Das ist Verantwortungsgemeinschaft, historisch gewertet. Honecker hat dies, mit großer Verspätung, bestätigt.

Häme ist über dieses Eingeständnis nicht angebracht. Eher der Hinweis darauf, daß auch die DDR – nicht zuletzt im Zuge der Umwälzungen in Moskau – zur Revision längst abgestandener Geschichtsklischees bereit ist. Diese Wende ist ein Zeichen der Reife. Nebenbei ist sie auch ein Gebot diplomatischer Klugheit: Honecker möchte noch auf Staatsbesuch nach Amerika. Das Ein- und Zugeständnis gegenüber den Juden mag ihm den Zutritt erleichtern. Wer würfe da den ersten Stein? D. St.