Algenpest und Robbensterben: das Meer als Müllkippe – unsere Todsünde

Von Horst Bieber

Algenteppiche in der Nordsee, unter denen massenhaft Fische verenden, und an den Stränden sterbende Robben, deren Todeskampf das Fernsehen bis weit in die Alpen verbreitet – einen Monat vor Beginn der Urlaubswelle hat die gequälte Natur mit der jährlichen Katastrophe reagiert. Sie zerstört die Illusion, es gebe noch heile Ecken in unserem Raumschiff Erde, wo der Mensch ungetrübt genießen könne, was er in den anderen elf Monaten zerstört.

Alarm an der Nordsee – darüber kann sich freilich nur wundern, wer seit 20 Jahren krampfhaft weghört und seit 1980 – dem warnenden Nordsee-Gutachten für die Bundesregierung – auch noch Augenklappen benutzt. Nichts an der Katastrophe von 1988 ist überraschend. Wir alle hätten wissen können, was da auf uns zukommt. Aber wir taten es den drei berühmten Affen nach, die nichts hören, nichts sehen, nichts sagen wollen; sie sind zum Leitbild der Ökologie geworden. Ehe die Nordsee krank wurde, gab es schon Waldsterben und Sauren Regen, Formaldehyd, Sandoz, Tschernobyl, das Ozonloch, den Treibhauseffekt durch Kohlendioxyd, verseuchte Siedlungen auf Giftmülldeponien. An Warnungen hat es nicht gefehlt, doch sie fruchteten wenig. Sie gaben jedesmal den Anstoß zu kurzatmiger Geschäftigkeit; manchmal raffte sich die Obrigkeit auch zu ernsthafteren Anstrengungen auf. Aber der entscheidende Schritt zu einer stetigen Politik, die Grundlagen unseres Lebens und Wirtschaftens auf Dauer zu sichern, ist ausgeblieben. Die Aufregung klang ab, das Interesse schwand, selbsttrügerische Ruhe kehrte ein. Der homo oeconomicus will nicht wahrhaben, wie er die Grundlagen seines Wirtschaftens eigenhändig untergräbt. Immer wieder bekommen wir die Quittung: In den Alpen verschütten rutschende Berghänge die Täler. Die Robben, deren Kindergesichter die Menschen anrühren, ersticken an einem Virus; ihr von der vergifteten See geschwächtes Immunsystem wird mit dem Krankheitserreger nicht mehr fertig.

Die sterile Geschäftigkeit hat auch diesmal sogleich eingesetzt: Forderungen werden erhoben, Konferenzen angemahnt, Forschungsmittel eingeklagt für den einen, Investitionszuschüsse für den anderen. Wenn alles so weiterläuft wie bisher, wird sich gegen Ende der Feriensaison die Aufregung wieder einmal gelegt haben, ohne daß Entscheidendes geschehen ist.

Solange Politik und Öffentlichkeit nicht aus diesem Zyklus von Aufregung und Gleichgültigkeit ausbrechen, hat eine Ökologie, die auch unseren Enkeln eine vernünftige Ökonomie sichern will, keine Chance. In der Schöpfungsgeschichte heißt es, der Mensch solle sich die Erde untertan machen; sie zu zerstören, liegt nicht in seiner Befugnis. Aber eben das tun wir, indem wir Luft, Boden und Wasser sträflich belasten. Von diesen drei Elementen lebt der Mensch, die sogenannte Krone der Schöpfung. Die verdreckte Nordsee ist nur ein Symptom dafür, wie wir selbstmörderisch mit unseren Lebensgrundlagen umgehen.

Zu spät, zu wenig