Diese Behauptung löst reflexhaft drei Erwiderungen aus. Erstens: Panikmache sei nicht hilfreich – aber wie anders läßt sich heute noch Einsicht provozieren? Zweitens: Es werde doch schon viel unternommen, um das nordeuropäische Hausmeer, besser: die Müllkippe und Jauchegrube Nordeuropas, zu entlasten – aber offenkundig ist es viel zu wenig. Drittens: Die Einführung von Kläranlagen, Filtern oder neuen abfallarmen Produktionstechniken brauche Zeit. Dabei beweist die jüngste Katastrophe nur zu deutlich, daß der technische Umweltschutz, die nachträgliche Minderung der Schäden, unzulänglich bleibt; daß Vorbeugen auch hier besser ist als Heilen; daß wir auf Abfallvermeidung statt Abfallbeseitigung umstellen müssen. Kein vernünftiger Mensch bestreitet, daß viel Geld und Grips in den Umweltschutz gesteckt werden. Doch es bleibt dabei: zu spät, zu wenig, zu halbherzig.

Wer Umdenken und Umsteuern will, der findet an der Nordsee viel zu tun. In ihr sammelt sich vor allem an, was die "Vorfluter", wie die Experten unsere Flüsse nennen, dort hinschleppen, von dem Dreck einmal abgesehen, den wir per Schiff ins Meer schaffen. Drei Schritte sind nötig: Verzicht auf Scheinargumente, schärfere Gesetze und ein gesellschaftlicher Bewußtseinswandel.

Es gilt erstens Abschied zu nehmen von dem Standardargument, von der Standardausrede, ohne vorherige Absprache mit allen Anrainern könne für die europäischen Randmeere nichts getan werden. Seit 20 Jahren reden und verhandeln die Regierungen – getan wurde wenig. Im Prinzip sind sich die Anliegerstaaten in markigen Absichtserklärungen einig, im Alltag haben noch immer nationale Egoismen und kurzfristige Interessen gesiegt. Die Exportnation Nummer eins jedoch, die Bundesrepublik, ist nun einmal dicht besiedelt und hoch industrialisiert; sie wird früher als ihre Nachbarn und Mitbewerber und auch im Alleingang in ihre Zukunft investieren müssen.

Wenn es stimmt, daß die DDR die Elbreinigung erst nach Regelung der Elbgrenze in Angriff nehmen will – was ist wichtiger? Die Verteidigung eines fruchtlosen Rechtsstandpunktes oder die Möglichkeit, einen der am schlimmsten belasteten Flüsse zu säubern? Und selbst wenn Ost-Berlin für die Entsalzung der Werra einen absonderlich hohen Preis fordert – sollten wir ihr nicht helfen? Schließlich zahlen wir ja auch an den zögerlichen Freund und Nachbarn Frankreich, damit er etwas weniger Dreck aus den elsässischen Kaligruben in den Rhein schleust.

Zweitens: Nur eine Politik, die langfristige Sicherheitserwägungen über kurzfristige Gewinnüberlegung setzt, bringt die richtigen Gesetze zustande. Das heißt in diesem Falle: Die Verklappung von Chemieabfällen wird generell verboten und übergangsweise nur noch jenen Unternehmen gestattet, die nachweisen, daß sie bereits ihre Produktion umstellen oder Rückhalteanlagen bauen, deren Abfall keine Gefahr für die Umwelt bedeuten. Die Verbrennung von Giftmüll auf See wird nur denen noch befristet erlaubt, die nachweisbar an der künftigen Vermeidung des Abfalls arbeiten. Im übrigen muß jede Abfallbeseitigung über die Flüsse ins Meer im Preis so hoch gesetzt werden, daß es für jeden Produzenten wirtschaftlich zwingend wird, die Gewässer zu schonen.

Zur Belastung der Nordsee tragen eingeschwemmte Phosphate und Nitrate aus der Landwirtschaft bei, auch wenn es der zuständige Bonner Minister leugnet. Da aber die meisten Bauern durch ein aberwitziges Agrarsystem zur Überproduktion und Überdüngung gezwungen werden, heißt das auch: Der EG-Agrarmarkt muß auch aus ökologischen Gründen reformiert werden. Wir brauchen eine Landwirtschaft, die auf naturfeindliche Chemie zu verzichten weiß.

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