Der Schutz der Flüsse und Meere muß allerdings schon in jedem Dorf anfangen. Was nutzen all die teuren kommunalen Kläranlagen, wenn der verbleibende Klärschlamm so vergiftet ist, daß er nicht auf den Feldern verteilt werden kann, sondern statt dessen – scheinbar unsichtbar – im Meer verklappt wird? Das marktwirtschaftliche Instrument der Abwasserabgabe reicht nach allen Erfahrungen nicht aus, sondern muß durch Produktionsverbote ergänzt werden. Weil es so lange dauert, bis schädliche Stoffe geprüft und verboten werden können, muß die Beweislast umgekehrt werden: Produzieren darf nur noch, wer für die Unschädlichkeit seiner Abfälle geradestehen kann.

Drittens: Der Katalog all dieser Maßnahmen, den Wirtschaft, Gewerkschaften und Politiker ohnehin schon als Horrorliste verteufeln werden, enthält freilich nur Minimalforderungen. Aber auch ihre Wirkung müßte verpuffen ohne eine gründliche Aufklärungskampagne, die jedem einzelnen Bürger hilft, sein Verhalten zu ändern. Sechzig Millionen Bürger können viel tun, die Flüsse und die Nordsee zu entlasten (siehe Seite 65). Aber dazu brauchen sie direkte Anleitungen. Welches Waschmittel ist denn, um ein simples Beispiel zu benutzen, umweltfreundlich(er)? Muß denn vergleichende Werbung mit solchen Hinweisen verboten bleiben? Verbraucherorganisationen müssen ihre Aktivität verstärken; dazu müssen sie vor willkürlichen und ruinösen Klagen wegen Geschäftsschädigung geschützt werden.

Vor allem aber fehlen uns die richtigen Instrumente der industriellen Planung. Man kann von Umweltverträglichkeitsprüfung reden oder von Technikfolgenabschätzung: wir können unseren Blick schärfen für die Konsequenzen gegenwärtiger oder künftiger Produktionen, von den Folgen der Rohstoffgewinnung bis zur Abfallbeseitigung. Denn so schön es wäre, wenn nur verantwortliche Vernunft die Produktion bestimmte: Nach den Regeln der ungeregelten Marktwirtschaft ist nun einmal das betriebswirtschaftliche Optimum nicht unbedingt das volkswirtschaftlich Wünschenswerte.

Die Robben sterben schneller, als sich die Nordsee retten läßt. Produzenten und Verbraucher haben zu lange gesündigt, als daß sich rasch Abhilfe schaffen ließe. Wenn es um Megachips oder Glasfaserkabel geht, nimmt jeder unbefangen das Wort von der industriellen Revolution in den Mund. Wenn gleichermaßen hartnäckige und weitsichtige Idealisten wie etwa die Greenpeace-Mitglieder sie fordern, allerdings in anderer Richtung, auf daß unsere Umwelt geschont werde, dann lacht noch mancher hohn, als ginge es darum, die Industriegesellschaft in kienspanerleuchtete Höhlen zurückzutreiben.

Vor acht Jahren hat Greenpeace begonnen, die Dünnsäure-Verklappung anzuprangern, eine der tausend Ursachen für das Nordsee-sterben. Jetzt ist eine Recycling-Anlage im Versuchsbetrieb. Viel zu lange hat es gedauert, aber es geht – wenn der Wille vorhanden ist oder durch politischen Druck erzeugt wird. Wie oft wollen wir noch auf den nächsten Nordseealarm warten?