Von Hans-Ulrich Stoldt

Eine Erklärung war überfällig. Sie lag sozusagen in der Luft. Delegierte, Gäste und Journalisten hatten sich schon verstohlen nach ihren Nachbarn umgesehen und heimliche Blicke unter die eigenen Schuhsohlen geworfen. "Unten findet eine Veranstaltung mit Hackethal statt, da wurden Rauchbomben geworfen", schafft die stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Eva Leithäuser endlich Klarheit, nur daß es keine Rauch-, sondern Stinkbomben waren.

Die Geruchsbelästigung bleibt das nahezu einzige Malheur auf dem außerordentlichen Landesparteitag der Sozialdemokraten am vergangenen Wochenende. Obwohl doch Brisantes auf der Tagesordnung stand: Nach der Rücktrittsankündigung des Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi sollte Henning Voscherau, kürzlich noch Fraktionschef, zum Nachfolger-Kandidaten gekürt werden. Zuvor wollte er jedoch die Partei-Statuten ändern lassen, um dem Regierungschef des Bundeslandes Hamburg mehr Einfluß auf die Zusammensetzung seines Kabinetts, des Senates zu ermöglichen.

Henning Voscherau hatte seinen Genossen vorher schon deutlich gesagt: Entweder die Bedingungen würden akzeptiert, oder er schmeiße den Krempel hin. Klare Verhältnisse also, oder andersherum: Erpressung.

Die Parteistrategen hatten extra den Bundesvorsitzenden Hans-Jochen Vogel in die Hansestadt einfliegen lassen. Der schlägt sogleich einen kühnen Bogen nach Bonn, eilt zur Abrüstungspolitik und referiert über das Ost-West-Verhältnis im allgemeinen, das derzeit vor allem deshalb gar nicht so schlecht sei, weil Sozialdemokraten den Boden bereitet hätten, woran man sehen könne, wie wichtig es sei, die Hamburger SPD an der Regierung zu halten. Durch wechselnde Distanzen zum Mikrofon sucht er seinem Vortrag Spannung zu geben. Und ganz energisch zum Schluß: "Ein dreifaches Glückauf dem neuen Steuermann."

Dieser sitzt neben noch-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi auf der Bühne, beklatscht mit weitausholenden Händen die Verdienste der aus dem Senat ausscheidenden Genossen und läßt sich von Eva Leithäuser mit Schokolade versorgen. Nervennahrung, die nicht verbergen kann, daß der Kandidat unter Druck steht. Doch als er das Wort ergreift, ist er ganz Beherrschung. Mehrfach beschwört er das "Wir-Gefühl" der Sozialdemokraten, verlangt "Erneuerung" und "Umgestaltung". Die Delegierten spenden artig Beifall – nicht zu oft und nicht zu heftig. Da springt kein Funke über. Doch zu Voscherau gibt es keine Alternativen. So kann er getrost dazu auffordern, ihm "jetzt in den Arm zu fallen, nicht hinterher in den Rücken".

Eine Delegierte aus Eimsbüttel, dem Stadtteil der SPD-Linken, wagt als einzige offen Paroli. "Die Hamburger SPD soll sich selbst die Zähne ziehen, wobei die Narkose der Zeitdruck ist." Verhaltener Beifall.