Die Luftstraßen über der Bundesrepublikreichen nicht mehr aus

Von Ilka Piepgras und Burkhard Kieker

Kontrollturm Flughafen München-Riem, Mittwoch 1. Juni, 17.30 Uhr: Der Mann in Jeans und Baumwollhemd rutscht auf der äußersten Kante seines Bürostuhls hin und her, sein Oberkörper ist wie zum Sprung vornüber gebeugt, die Augen konzentriert zusammengekniffen. Angespannt preßt er das Funkmikrophon gegen die Unterlippe, fast ohne Unterbrechung knappe englische Anweisungen murmelnd. Seit zwei Stunden ist der Fluglotse Werner Füllgrabe, 43 Jahre alt, nun auf Schicht im Tower, und Schicht heißt an diesem Tag in Riem: das Chaos verwalten.

Das spielt sich dreißig Meter weiter unten ab, auf dem Rollfeld. Dort ist "vor lauter Aluminium der Beton kaum noch zu sehen". Fast drei Dutzend Verkehrsjets parken Tragfläche an Tragfläche, die Abstellplätze beginnen knapp zu werden. Auf dem Anflugradar sind bereits sieben weitere Flugzeuge zu erkennen. Es sind kleine grüne Quadrate, die sich – ordentlich aufgereiht wie an einer Kette – ruckweise auf die Landebahn 25 zubewegen. "Landen ist kein Problem, nur rauf kriegen wir sie heute nicht mehr", stöhnt Füllgrabe.

Über die Hälfte der geparkten Flugzeuge soll eigentlich schon seit einer Stunde oder mehr in der Luft sein, unterwegs nach Helsinki, Ibiza oder auch nur Saarbrücken. Die Türen sind verriegelt, die Passagiere sitzen angeschnallt auf ihren Plätzen, und – nichts rührt sich auf dem Rollfeld, denn "am Himmel über München ist die Hölle los" (Süddeutsche Zeitung). Das Problem ist nicht mehr nur der chronisch überlastete Flughafen Riem.

Seit Ende Mai sind die Luftstraßen über der Bundesrepublik "so dicht wie die Autobahn nach Salzburg am ersten Ferientag", erzählt ein Münchner Radarlotse. Nur noch alle fünf Minuten darf Füllgrabe an diesem Tag einen Jet nach Süden starten lassen, auf der Luftstraße Upper green Four entlang des Alpenkamms ist durch überfliegende Maschinen aus ganz Europa einfach kein Platz mehr.

Seit einer Stunde ist auch der Norden zu. Die gestreßten Kollegen von Rhine Control aus Karlsruhe kämpfen mit dem überfüllten Luftraum über Rhein-Main. Damit ist das Einfädeln der von Riem abfliegenden Maschinen in die Luftrennstrecken nur noch mit entnervenden Verzögerungen möglich. London, Barcelona und Zagreb melden ähnliche Zustände. Die Männer auf dem Kontrollturm retten sich in Zynismus. "Keine Angst, das Chaos wird bald Routine sein", meint einer.