Größere Unterschiede bei den Löhnen nützen den Arbeitslosen wenig

Von Erika Martens

Eine Schlagzeile ist sie immer wert, die Forderung nach flexibleren Löhnen und Gehältern, die konservative Politiker in jüngster Zeit wieder häufiger stellen. In der Wissenschaft freilich ist der Streit über Sinn und Unsinn von stärkeren Lohndifferenzierungen nach Branchen, Regionen und Qualifikation noch längst nicht entschieden. Renommierte Ökonomen im In- und Ausland, Experten der Deutschen Bundesbank und der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung weisen seit Jahren darauf hin, daß die geringen Chancen weniger qualifizierter Arbeitsloser, einen neuen Job zu finden, auch mit der verhältnismäßig starren Lohnstruktur in der Bundesrepublik zusammenhängen, die eine stärkere Differenzierung nach Regionen und Branchen verhindere.

Der Schuldige ist rasch gefunden: Die Gewerkschaften mit ihrer "Eintopfpolitik" (Handelsblatt) verhindern die längst überfällige Öffnung des Arbeitsmarktes. Ingrid Kurz-Scherf, Tarifexpertin beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des Deutschen Gewerkschaftsbundes (WSI), begegnet diesem Vorwurf mit umfangreichem Zahlenmaterial.

Allein der Blick auf die Tarifanhebungen des vergangenen Jahres gegenüber 1986 zeigen nach ihrer Untersuchung, daß es den "angeblichen Einheitsbrei" nicht gebe. Die vereinbarten Lohnerhöhungen schwankten am Stichtag 31. Dezember 1987 gegenüber dem gleichen Tag des Vorjahres zwischen 1,1 Prozent in der Eisen- und Stahlindustrie Nordrhein-Westfalens und einem Zuwachs von immerhin vier Prozent im Kraftfahrzeuggewerbe dieses Bundeslandes.

Die Folge: Ein ungelernter Arbeiter in der Eisen – und Stahlindustrie hatte nach der Tarifrunde am Monatsende achtzehn Mark mehr auf dem Lohnzettel, ein Angestellter der obersten Gehaltsgruppe im öffentlichen Dienst fand auf seinem Konto 243 Mark mehr als zuvor. Selbst bei vergleichbarem Qualifikationsniveau sind die Unterschiede nach der Analyse von Ingrid Kurz-Scherf beträchtlich: Ein Facharbeiter mit abgeschlossener Berufsausbildung hatte in der Eisen- und Stahlindustrie ein Plus von zwanzig Mark, in der Mineralölverarbeitung kassierte ein vergleichbarer Kollege immerhin 116 Mark mehr.

Doch nicht nur die Steigerungen des vergangenen Jahres weisen nach der WSI-Untersuchung erhebliche Unterschiede zwischen den Branchen aus. Auch ein Vergleich der tariflichen Lohn- und Gehaltsstruktur ergibt ein erhebliches Gefälle zwischen den einzelnen Wirtschaftszweigen. Danach verdient zum Beispiel ein Stahlarbeiter in der untersten Lohngruppe ohne die stahltypischen Zuschläge nur 56 Prozent dessen, was ein gleichrangiger Arbeiter in der Mineralölverarbeitung bekommt. Und ein Angestellter in der bayerischen Landwirtschaft (unterste Gehaltsgruppe bei dreijähriger Berufsausbildung) erhält nur gut ein Drittel dessen, was ein white collar bei Texaco im Monat nach Hause bringt. In höheren Einkommensbereichen ist die Diskrepanz geringer, sie bleibt jedoch deutlich sichtbar. So kann ein gewerblicher Arbeiter in der Schuhindustrie nach dem Tarif höchstens 1817 Mark im Monat haben, ein Metaller im Stuttgarter Raum kommt auf 2829 Mark, ein Bauarbeiter immerhin maximal auf 3334 Mark und der Spitzenmann bei Texaco auf 3919 Mark.