Die Null-Null-Psychose

Von Bernhard Blohm

Plötzlich ist es wieder da, das schreckliche Wort: Inflation. Die Angst davor wird kräftig geschürt. Die Zinsen steigen, so warnen deutsche Hypothekenbanken und raten ihren Kunden, schnell zuzugreifen, ehe Zinsen und Baupreise davonlaufen. Kaum ein Börsenjournalist versäumt in diesen Tagen, auf die angeblich wachsende Bedrohung der Finanzmärkte durch steigende Geldmengen und anziehende Inflationsraten hinzuweisen.

Sogar die Deutsche Bundesbank, die noch im April die "erfreulich stabilen Preise" hierzulande lobte, mehrt jetzt, nur einen Monat später, auf subtile Weise die Inflationsfurcht. Immer öfter werden an prominenter Stelle in den von der Bank herausgegebenen "Auszügen aus Presseartikeln" Berichte plaziert, die dem Noteninstitut nahelegen, mit Zinserhöhungen auf die Entwicklungen an den Geld- und Kapitalmärkten zu reagieren. Die wachsende Sorge der Bundesbank vor der Inflation flattert so zigtausendfach auf die Schreibtische der Unternehmen, Verbände und sonstigen Organisationen der deutschen Wirtschaft.

Das verfehlt seine Wirkung nicht. Kaum hatte die Bundesregierung ihre Pläne zur Anhebung der Mineralölsteuer publik gemacht, hagelte es Kritik von der Automobilindustrie. "Eine Erhöhung der Mineralölsteuer um zehn Pfennige pro Liter Benzin heißt ein halber Prozentpunkt Inflation", wetterte Verbandsgeschäftsführer Achim Diekmann Anfang dieser Woche.

Anleger und Spekulanten, die sich erst vor wenigen Wochen von Sack und Asche befreiten, weil der nach dem Börsenkrach vom Oktober vorigen Jahres befürchtete Kollaps der Weltwirtschaft nun doch nicht eintrat, kramen im Schrank schon wieder nach dem Büßergewand.

Aber ist die Inflationsfurcht wirklich begründet? Gibt es Anzeichen dafür, daß ähnlich wie Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre die Preissteigerungsraten wieder auf sieben, acht oder gar noch mehr Prozent pro Jahr klettern werden?

Tatsache ist: Die Geldmengen sind in den meisten Industriestaaten in den vergangenen Jahren stärker gewachsen, als von den Notenbanken geplant war. Die Rohstoffpreise – gemeinhin ein Frühindikator für Inflationstendenzen – sind 1987 gestiegen, bei Kupfer und Nickel etwa fielen die Preissteigerungen sogar kräftig aus. Die Verbraucherpreise werden in den wichtigsten Industrieländern in diesem Jahr voraussichtlich etwas stärker anziehen als 1987. Nach 3,5 Prozent im vergangenen Jahr schätzt die OECD den Preisanstieg für 1988 auf durchschnittlich 4,3 Prozent in ihren Mitgliedsländern (siehe Tabelle). Wenn auch auf niedrigem Niveau und mit einer moderaten Tendenz, so kletterten die Preise zum Beispiel in der Bundesrepublik, aber auch in Großbritannien, in den zurückliegenden Monaten doch schneller als in den beiden vergangenen Jahren.

Die Null-Null-Psychose

Aber reicht das aus, um in der derzeit grassierenden Inflationsfurcht eine berechtigte Sorge zu sehen? Ist es wirklich so, wie das Hamburger Institut für Wirtschaftsforschung (HWWA) meint, daß der Kurs der deutschen Geldpolitik zu Bedenken Anlaß gebe, daß die Bundesbank "gut beraten wäre, wenn sie dem Indikator ‚Geldmengenentwicklung‘ wieder höhere Priorität einräumen würde", und folglich eine restriktive Politik mit höheren Zinsen und knappem Geld angemessen wäre?

Wilhelm Nölling, Präsident der Hamburger Landeszentralbank, hält einen solchen Rat für absurd. "Es gibt keinen Preisauftrieb, keine Überhitzungserscheinungen; es gibt keine Engpässe, es gibt nichts, nichts, nichts", ärgert sich Nölling über die Inflationsdiskussion, "es gibt nur ein bißchen Geldmenge mehr. Ich würde mich schämen," allein darin eine tatsächliche Inflationsgefahr zu sehen." Im betulichen Zentralbankrat, dem obersten Entscheidungsgremium der Bundesbank, nimmt Nölling mit dieser Meinung eine krasse Außenseiterposition ein. Denn für dieses Gremium ist jede Preissteigerungsrate von Übel, bei der mehr als eine Null vor dem Komma steht.

Dieses Credo bekräftigte die Bundesbank wieder im jüngsten Monatsbericht. Sogar die Erkenntnis, daß die Deutsche Mark in den vierzig Jahren ihres Bestehens noch vor dem soliden Schweizer Franken Stabilitätsweltmeister geworden ist, entlockte den Frankfurter Währungshütern kaum Beifall. Sie warnten lieber vor den überall lauernden Gefährdungen für die Mark und wie ernst das Ziel zu nehmen sei, "die Geldentwertung möglichst in die Nähe von Null zurückzuführen oder dort zu halten". "Am liebsten hat er Null-Null", lautet ein geflügelter Satz im Hause der Bundesbank über den Vizepräsidenten Helmut Schlesinger – vor der Preissteigerungsrate, versteht sich.

Unterstützung bekommt der zur Besonnenheit mahnende Landeszentralbankchef Nölling aber von wissenschaftlicher Seite. Sogar ein erklärter Monetarist wie der Kieler Professor für Wirtschaftspolitik, Manfred Willms, hält die derzeitige Furcht vor der Inflation für eine Psychose: "Weltweit ziehen die Preise etwas an, aber doch auf Sparflamme", sagt Willms, "ich sehe nicht, daß es hier in absehbarer Zeit große Probleme gibt." In-

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flation komme nicht von heute auf morgen, und sie verschwinde auch nicht über Nacht. "Inflation ist ein Trendphänomen", erklärt Willms, "und den Trend kann ich noch nicht erkennen."

Auch wenn die Preissteigerungsrate in der Bundesrepublik in diesem Jahr "vielleicht an zwei Prozent herankommt", gebe es keinen Grund, jetzt in der Geldpolitik in erster Linie auf Inflationsbekämpfung zu setzen. Angesichts von über zwei Millionen Arbeitslosen sei das "eine relativ teure Angelegenheit". Denn durch steigende Zinsen und knapperes Geld müßten Konjunktur und Beschäftigung zwangsläufig Schaden nehmen.

Die Null-Null-Psychose

Noch pointierter wettert der Trierer Volkswirtschaftsprofessor Wofgang File gegen "die unbestreitbar vorhandene, aber absurde" Inflationsfurcht: "Wenn man auf der Grundlage von Wachstumszahlen für irgendwelche Geldmengen versucht, irgend etwas über Konjunktur und Preisentwicklung auszusagen, dann ist das eine blamierende Vereinfachung."

Bestätigung für seine These findet er bei Allen Reynolds, der in der amerikanischen Zeitschrift Challenge schon vor einiger Zeit die Prognosequalitäten des Urvaters aller Monetaristen, Milton Friedman, kritisch unter die Lupe nahm. Frech listete Reynolds auf, was der Meister innerhalb von knapp zwei Jahren in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften über Geldmengenentwicklung und Konjunktur zum besten gab, und kam zu einem vernichtenden Urteil: Allein in den vier Monaten von Juli bis Oktober 1982 habe Friedman das Geldmengenwachstum in den Vereinigten Staaten als "gefährlich hoch", als "konjunkturdämpfend zu niedrig" und als "inflationsbildende Geldexplosion" bezeichnet. Reynolds Fazit: "Im Vergleich zum tatsächlichen Verlauf der Konjunktur und der Preisbildung stellen die Aussagen Friedmans den Glauben an die Fähigkeit der Monetaristen in Frage, realistische Wirtschaftsprognosen zu konstruieren. Das gilt auch für die Entwicklung der Preissteigerungsrate."

"Wer der Inflation auf die Spur kommen will, der muß nicht auf Geldmengenzahlen, sondern auf ganz andere Dinge schauen", sagt der Trierer File, und mit dieser Meinung steht er nicht allein. Im Gegenteil, die keynesianische Sicht des Inflationsphänomens, also die Erklärung der Inflation aus Vorgängen im güterwirtschaftlichen Bereich einer Volkswirtschaft – zum Beispiel als Folge von Verteilungskämpfen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften –, gewinnt in den Wirtschaftswissenschaften gegenüber dem lange Zeit vorherrschenden monetaristischen Ansatz an Boden.

Gefahren für die Stabilität des Geldwertes können keynesianisch orientierte Wissenschaftler derzeit aber nicht erkennen, schon gar nicht in der Bundesrepublik und auch nicht in den Vereinigten Staaten. Zwar ist dort die Kapazitätsauslastung der Industrie mit knapp 83 Prozent auf dem höchsten Stand seit März 1980, aber von den Gefahren einer Lohninflation reden nicht einmal die Arbeitgeber in den Vereinigten Staaten. Beim größten amerikanischen Stahlkonzern USX etwa werden die Löhne bis 1990 aufgrund langjähriger Verträge mit den Arbeitnehmern nicht steigen. USX-Chef David M. Roderick: "Von einer Rückkehr zu gefährlichen inflationären Zeiten kann keine Rede sein."

Wirkliche Gefahren für die Stabilität des Geldes sehen File und viele andere Ökonomen nur für den Fall, daß es ähnlich wie nach den beiden Ölpreisschocks Mitte und Ende der siebziger Jahre durch einen neuen Schock zu einer Anpassungsinflation in den Industrieländern kommen könnte. Aber in einer solchen Situation bleibt den Notenbanken ja immer noch genügend Zeit, um mit einer restriktiven Geldpolitk die Volkswirtschaften auf dem Pfad der Tugend zu halten. "Mit Zinssteigerungen haben wir uns in jüngster Zeit zweimal gräßlich die Finger verbrannt", warnt Nölling vor einer Geldpolitik, die jetzt auf Inflationsbekämpfung steuert. "Im Dezember 1986 lösten wir damit die Neuordnung der Wechselkurse im Europäischen Währungssystem aus, und die Zinserhöhung vom 24. September vorigen Jahres und die Zeit danach sind ja auch noch in guter Erinnerung."

Wohl eher in schlechter.