Aber reicht das aus, um in der derzeit grassierenden Inflationsfurcht eine berechtigte Sorge zu sehen? Ist es wirklich so, wie das Hamburger Institut für Wirtschaftsforschung (HWWA) meint, daß der Kurs der deutschen Geldpolitik zu Bedenken Anlaß gebe, daß die Bundesbank "gut beraten wäre, wenn sie dem Indikator ‚Geldmengenentwicklung‘ wieder höhere Priorität einräumen würde", und folglich eine restriktive Politik mit höheren Zinsen und knappem Geld angemessen wäre?

Wilhelm Nölling, Präsident der Hamburger Landeszentralbank, hält einen solchen Rat für absurd. "Es gibt keinen Preisauftrieb, keine Überhitzungserscheinungen; es gibt keine Engpässe, es gibt nichts, nichts, nichts", ärgert sich Nölling über die Inflationsdiskussion, "es gibt nur ein bißchen Geldmenge mehr. Ich würde mich schämen," allein darin eine tatsächliche Inflationsgefahr zu sehen." Im betulichen Zentralbankrat, dem obersten Entscheidungsgremium der Bundesbank, nimmt Nölling mit dieser Meinung eine krasse Außenseiterposition ein. Denn für dieses Gremium ist jede Preissteigerungsrate von Übel, bei der mehr als eine Null vor dem Komma steht.

Dieses Credo bekräftigte die Bundesbank wieder im jüngsten Monatsbericht. Sogar die Erkenntnis, daß die Deutsche Mark in den vierzig Jahren ihres Bestehens noch vor dem soliden Schweizer Franken Stabilitätsweltmeister geworden ist, entlockte den Frankfurter Währungshütern kaum Beifall. Sie warnten lieber vor den überall lauernden Gefährdungen für die Mark und wie ernst das Ziel zu nehmen sei, "die Geldentwertung möglichst in die Nähe von Null zurückzuführen oder dort zu halten". "Am liebsten hat er Null-Null", lautet ein geflügelter Satz im Hause der Bundesbank über den Vizepräsidenten Helmut Schlesinger – vor der Preissteigerungsrate, versteht sich.

Unterstützung bekommt der zur Besonnenheit mahnende Landeszentralbankchef Nölling aber von wissenschaftlicher Seite. Sogar ein erklärter Monetarist wie der Kieler Professor für Wirtschaftspolitik, Manfred Willms, hält die derzeitige Furcht vor der Inflation für eine Psychose: "Weltweit ziehen die Preise etwas an, aber doch auf Sparflamme", sagt Willms, "ich sehe nicht, daß es hier in absehbarer Zeit große Probleme gibt." In-

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flation komme nicht von heute auf morgen, und sie verschwinde auch nicht über Nacht. "Inflation ist ein Trendphänomen", erklärt Willms, "und den Trend kann ich noch nicht erkennen."

Auch wenn die Preissteigerungsrate in der Bundesrepublik in diesem Jahr "vielleicht an zwei Prozent herankommt", gebe es keinen Grund, jetzt in der Geldpolitik in erster Linie auf Inflationsbekämpfung zu setzen. Angesichts von über zwei Millionen Arbeitslosen sei das "eine relativ teure Angelegenheit". Denn durch steigende Zinsen und knapperes Geld müßten Konjunktur und Beschäftigung zwangsläufig Schaden nehmen.