Doppelt verfolgt

Düsseldorf

Eine bunte Menschenmenge schlängelt sich durch die Straßen der Düsseldorfer Alstadt. Vor dem Landtag, an der Bannmeile, bleiben sie stehen: Männer in dunklen Jacken, Frauen mit langen, schwarzen Haaren und in farbenfrohen Kleidern, viele Kinder. Sie tragen Luftballons und Anstecknadeln mit der Aufschrift: "Asyl ist Menschenrecht". Plakate fordern: "Keine Abschiebung" und "Wir wollen bleiben!".

Rund 600 asylsuchende Flüchtlinge aus Ostwestfalen und dem Ruhrgebiet haben sich zu einem Marsch nach Düsseldorf aufgemacht, um Innenminister Schnoor auf ihre Lage aufmerksam zu machen und ein Bleiberecht zu fordern. Diese Flüchtlinge sind Yezidi, Angehörige einer kurdischen, nicht-islamischen Minderheit, die verstreut in Syrien, in der Türkei, im Iran, im Irak und in der Sowjetunion lebt. Die Demonstranten kommen, wie fast alle der rund 10 000 in die Bundesrepublik geflohenen Yezidi, aus der Türkei. Dort ist ihre Lage besonders prekär. Als yezidische Kurden werden sie doppelt verfolgt: Der türkische Staat bestreitet die Existenz nicht-türkischer, also zum Beispiel kurdischer Bevölkerungsgruppen, und hat ihre Sprache verboten. Und ihr Glaube steht im Widerspruch zur Mehrheitsreligion des Islam.

Eine zentrale Figur in der yezidischen Geheimreligion, die mündlich weitergegeben wird und keine verbindliche, schriftlich fixierte Grundlage hat, ist der Engel Melik Ta’us, auf deutsch: Engel Pfau. Für Moslems ist er ein Engel des Teufels, Yedizi sind also "Teufelsanbeter". Ein Strich im, Paß anstelle der Religionsangabe kennzeichnet sie für jeden als rechtlose Heiden.

"Auf meiner Hochzeitsfeier haben Moslems aus dem Nachbardorf drei Leute getötet. Mit Steinen und Brettern sind sie auf uns losgegangen – nur weil wir Yezidi, ’Ungläubige’, sind", erzählt Yildrim B. Sabri K., ehemals Bauer in einem osttürkischen Dorf, heute Asylbewerber in Bielefeld, berichtet von ständigen Razzien des Militärs – der türkische Staat verdächtigt die Yezidi, mit den kurdischen Separatisten zu sympathisieren. Sirin A.: "Sie haben meinen Mann, meinen Schwiegervater und drei weitere Verwandte festgenommen. Wir hätten den Separatisten zu Essen gegeben. Meinen Schwiegervater haben sie gefoltert, mit Elektroschocks. Mit einer Stange haben sie ihm das Gesicht eingeschlagen." Auch Sirin selbst, Mutter von drei Kindern, war zweimal im Gefängnis und wurde nach ein paar Tagen wieder freigelassen. Als sie nicht sagen konnte, wo sich ihr Mann aufhielt, schlug man ihr mit dem Gewehrkolben auf den Kopf.

Eine Frau aus Sinns Dorf wurde entführt, zwangsweise moslemisiert und mit einem Mohamedaner verheiratet. Als die Familie zur Polizei ging, wurde ihr geantwortet, die Frau wäre sicher freiwillig gegangen. "Klagen gegen Übergriffe der Milizen beziehungsweise der ihnen nahestehenden Individuen werden nicht nur nicht angenommen, sondern als staatsfeindlicher Akt registriert und entsprechend verfolgt", heißt es in einer Untersuchung der Gesellschaft für Bedrohte Völker zur Lage der Yezidi in der Türkei. Da bleibt vielen nur noch die Flucht ins Ausland. "Von den ehemals 10 000 Yezidi in der Türkei sind nur noch wenige Hundert geblieben", weiß Bernd Knopf vom Flüchtlingsrat Herford.

Doppelt verfolgt

Doch ihre Asylgesuche werden bei uns oft ablehnend entscheiden. Strittig ist vor Gericht insbesondere die Frage, ob es Fluchtalternativen in türkischen Großstädten gibt – eine Frage, die der Göttinger Religionswissenschaftler Professor Wießner verneint. Er kommt zu dem Schluß, "daß die Jesiden in der Türkei keine Chance besitzen, ihre nationale und religiöse Identität zu bewahren". Dennoch hält das Oberverwaltungsgericht Münster an der These von den innertürkischen Fluchtalternativen fest und begründet damit im Februar sein Grundsatzurteil, daß Yezidi in der Regel kein Asyl erhalten können.

Bis 1986 waren in Nordrhein-Westfalen alle Yezidi vor einer Abschiebung in die Türkei geschützt. Per Erlaß hat Innenminister Schnoor diesen Schutz aufgeweicht: Seither gilt der Abschiebestop nur noch für yezidische Flüchtlinge, die bis zum 31. Dezember 1985 in die Bundesrepublik eingereist waren und innerhalb von drei Jahren keine Ausreiseaufforderung erhalten haben. Dies bedeutet, daß die große Mehrheit der hier lebenden Yezidi jederzeit abgeschoben werden kann. In Bielefeld, beispielsweise, droht 677 der hier lebenden 800 Yezidi die zwangsweise Rückkehr in die Türkei.

Die Demonstranten forderten Innenminister Schnoor vor vier Wochen in Düsseldorf auf, diesen Erlaß zurückzunehmen. Schnoor versicherte, daß zur Zeit keine Abschiebungen geplant seien und bat um Geduld für eine angestrebte politische Lösung.

Keine Hoffnung mehr auf eine solche Lösung hatte wohl eine junge Yezidin aus Bielefeld. Als sie Anfang Mai ihren ablehnenden Asylbescheid erhielt, stürzte sich aus einem Fenster des 3. Stockwerks. Sie liegt schwerverletzt im Krankenhaus. Martina Krause