Von Andreas Kohlschütter

Das Athener Gipfeltreffen zwischen Andreas Papandreou und Turgut Özal bildet den Anfang, nicht das Ende, eines langen und schwierigen Verhandlungsprozesses. Zwar soll die Begegnung der beiden Regierungschefs zu Füßen der Akropolis drei Tage dauern. Doch die politischen Streitpunkte, die ausgeräumt werden sollen, haben sich durch die vielen Jahre verhärtet. Und die griechisch-türkische Erzfehde, die es letztlich abzubauen gilt, ist Jahrhunderte alt. Die Erwartung auf einen Durchbruch und Erfolg des Gipfels sollte daher nicht zu hoch geschraubt werden.

Papandreou und Özal müssen mühsam Vergangenheit bewältigen und Feindbilder beseitigen. Hüben wie drüben werden ungute Erinnerungen gehegt und gepflegt, dauern böse Einflüsterungen durch Nationalideologen an – gerade auch in Schulbüchern. Der Fall Konstantinopels und des letzten Griechenkaisers von 1453 wird lebendig gehalten, als handele es. sich um Zeitgeschichte. Vor hellenischen Augen brennt das Griechenviertel von Smyrna – heute Izmir – immer wieder so glut- und blutrot ab wie damals im September 1922. Die türkische Seite erlebt und erleidet die Besetzung Konstantinopels durch alliierte und griechische Streitkräfte im November 1918, den Diktatfrieden von Sèvres 1919 oder den Aggressionskrieg der Griechen in Anatolien 1919/22 immer wieder neu. Irgendwie baumeln die beim antigriechischen Pogrom 1955 in Istanbul Gehenkten noch immer an Laternenpfählen und Gittertoren. Die in den sechziger Jahren bei antitürkischen Massakern auf Zypern ermordeten Türken liegen noch immer nicht wirklich unter der Erde.

Dieser mit Emotionen beladene historische Hintergrund erschwert jede Lösung der zwischen Griechenland und der Türkei anstehenden Gegenwartsprobleme. Die öffentliche Meinung beider Seiten denunziert alle Anläufe zu kompromißbereiter Annäherung allzu schnell als "landesverräterischen Ausverkauf". Das gilt für die beiden zentralen Themen, die beim Gipfeldialog in Athen angepackt werden müssen: Agäisstreit und Zypernkonflikt.

Einmal mehr geht es um die Abgrenzung griechisch-türkischer Hoheitsrechte in der Ägäis, in der Luft, auf dem Wasser, vor allem auch auf dem Meeresgrund und dem erdölhöffigen Festlandsockel. Aus Athener Sicht besitzen auch die der türkischen Küste unmittelbar vorgelagerten griechischen Inseln ihre eigenen Festlandsockel. Danach wäre fast die gesamte Ägäis eine souveräne Wirtschafts- und Ausbeutungszone Griechenlands. Ankara dagegen beruft sich auf eine geographische Ausnahmesituation, spricht diesen Inseln eigene Seebodenrechte ab und betrachtet sie als bloße Erhebungen, als "Aufsitzer" auf dem türkisch-anatolischen Festlandsockel, der bis zur Graben- oder Mittellinie des ägäischen Meeres reiche. Entweder solle dort die Trennlinie gezogen oder eine Zone gemeinsamer, griechisch-türkischer Ausbeutung des Meeresbodens geschaffen werden. Papandreou will diese Streitfrage dem Internationalen Gerichtshof im Haag unterbreiten. Özal fordert eine Lösung durch bilaterale Verhandlungen, ohne sich indes einem Völkerrechtsurteil gänzlich zu verschließen.

Der Ägäis-Streit führte die beiden Nato-Verbündeten 1976 und im März 1987, im Zusammenhang mit umstrittenen Ölsucheaktionen, bis an die Schwelle eines Krieges. Bei ihrem Rendezvous in Davos im Januar dieses Jahres gelobten denn auch Papandreou und Özal: "Eine solche Krise darf sich nie wiederholen." In Athen sind die beiden Regierungschefs, vom Risiko einer Konfrontation in der Ägäis geschockt, jetzt aufgerufen, den entspannenden "Geist von Davos" politisch umzusetzen. Das setzt beiderseitiges Nachgeben voraus, Abstriche an starren Rechtspositionen zugunsten friedlicher Koexistenz. Der Türkei ist in der Tat kaum zuzumuten, die Ägäis wegen der griechischen Insellage zu einem geschlossenen "griechischen Binnensee" werden zu lassen. Papandreou muß Ankara vom Trauma der ägäischen Einkreisung und internationalen Abschnürung befreien. Özal seinerseits muß den Griechen die Angst um die Türkei-nahen Inseln nehmen, jenen uralten und durch die Zyperninvasion 1974 aktivierten Alptraum des türkischen "Attila-Expansionismus".

Denn beim Athener Vis-à-vis auf höchster. Ebene geht es eben doch auch um Zypern. Ursprünglich hatte Papandreou jede Begegnung mit Özal ausgeschlossen, bis die Türkei ihre Besatzungsarmee aus Zypern abzieht. Dann hatte er sich in Davos dennoch, unter ausdrücklicher Ausklammerung der Zypernproblematik, zum direkten Dialog mit dem türkischen Regierungschef bereitgefunden. Jetzt präsentiert Athen erneut die Lösung des Zypernproblems als Schlüssel für eine dauerhafte Verbesserung der griechisch-türkischen Beziehungen.