Kassandra-Rufe begleiten die deutsch-amerikanischen Beziehungen seit Jahrzehnten. Die düstere Vision einer Abwendung Amerikas von Europa wird ebenso wie die Befürchtung des Wegdriftens der Deutschen aus der atlantischen Gemeinschaft als Folie für abgründige Szenarien des Zerfalls der westlichen Welt bemüht. Intellektuelle Dramatisierungen stehen in effektvollem Kontrast zu Stabilität und Fortentwicklung der deutsch-amerikanischen Freundschaft seit Kriegsende. Auf der Ebene der politischen Rhetorik wird man dazu in den verschiedenen Epochen der Nachkriegsgeschichte eher ein Übermaß an bemühten Harmonisierungsversuchen finden. So als ob Interessenkonflikte, Meinungsverschiedenheiten, Streit und Ärger in freundschaftlichen Beziehungen nicht vorkommen dürften. Beide Haltungen – Dramatisierung wie Harmonisierung – erweisen sich bei näherer Betrachtung als gleichermaßen wirklichkeitsfremd. Im Urteil über Lage und Zukunft der deutschamerikanischen Beziehungen ist manches aus dem Lot geraten. Sinn für Proportionen ist auf beiden Seiten des Atlantiks gefragt.

Arthur Burns hat als amerikanischer Botschafter in Bonn wesentliche Beiträge zu einem wirklichkeitsgerechten Bild geleistet – und auch sein posthum in deutscher Sprache erschienenes Buch ist als ein einziges Plädoyer für eine reife Partnerschaft zwischen beiden Staaten zu verstehen. Das Buch beinhaltet einen Zyklus von Vorträgen, die Burns im Rahmen der Elihu-Rout-Vorlesungen gehalten hat. Elihu Rout zählte zu den Gründern des Council on Foreign Relations. Die Vorlesungen werden regelmäßig gehalten und sollen jeweils einem hervorragenden Mitglied des Council die Gelegenheit geben, die eigenen Erfahrungen im öffentlichen Leben zu reflektieren und davon ausgehend zu einer wichtigen Frage der Außenpolitik Stellung zu nehmen. Ein Vorwort und eine Schlußbetrachtung aus der Feder Helmut Schmidts umrahmen die intellektuell wie politisch faszinierenden Kapitel des Buches.

Von der ersten bis zur letzten Zeile spürt der Leser: Ein Freund der Deutschen hat die deutschamerikanische Freundschaft zu seiner Herzenssache gemacht. Er lobt und kritisiert, mahnt und fordert immer ausschließlich mit dem Ziel des besseren Verstehens. Den Partner von dessen je eigenen Voraussetzungen her verstehen lernen – das war die Arbeit an der politischen Kultur, worauf sich Arthur Burns wie kaum ein anderer verstand. Bezeichnenderweise beginnt sein Buch mit dem Ausdruck vornehmer Bescheidenheit: "Was ich in Deutschland gelernt habe." Burns läßt den Leser teilhaben an den Lernprozessen, die er selbst in Deutschland an sich beobachtete. Profile der Frage nach der deutschen Identität werden hier anschaulicher als in manchen gelehrten, aber abstrakten Forschungsfolianten.

Hell werden jedoch auch die Interessendivergenzen zwischen Deutschland und Amerika ausgeleuchtet. Weltmachtkalkül steht nicht selten gegen Europa-Orientierung. Globales Denken gegen regionale Begrenzung. Dabei bilden Details der sicherheitspolitischen und ökonomischen Interessen nur die Oberfläche jenes Stoffes, dessen Tiefe die politische Kultur formt und deren sozialpsychologischer Kern von Burns feinsinnig beobachtet wurde: "Selbstvertrauen stärkt in aller Regel unsere Zuversicht und gibt uns Hoffnung; es ist im Leben einer Nation nicht weniger wichtig als im Leben des einzelnen. In Deutschland und in Westeuropa ist das Selbstvertrauen heute wesentlich stärker als in den späten vierziger oder in den fünfziger Jahren, doch ist es noch nicht widerstandsfähig genug, um es mit der amerikanischen Haltung aufnehmen zu können. In ihrer Mehrheit bewundern die Deutschen die Risikobereitschaft der amerikanischen Firmen, haben Sympathie für die Amerikaner und wissen den amerikanischen militärischen Schutz zu würdigen; der Unmut, der gelegentlich in dieser Anerkennung mitschwingt, kann bei Menschen, die unter einem Gefühl der Abhängigkeit leiden, nicht verwundern."

Es nützt niemandem, die Augen vor der Ambivalenz deutsch-amerikanischer Gefühle zu schließen. Die Bilder, die wir speichern, sind nicht eindimensional; die Geschichte, an die wir uns erinnern, ist nicht linear verlaufen. Keine noch so wolkige Rhetorik kann über Abgründe und Tragik in der Geschichte deutsch-amerikanischer Beziehungen hinwegfabulieren. Für viele Deutsche war die Entscheidung zur Auswanderung nach Amerika ein Akt der Selbstbefreiung von bedrückenden europäischen Zwangslagen. Sie realisierten in der Neuen Welt europäische Ideale schneller, überzeugender als die in Kriege und Konflikte verstrickten Nationen des alten Kontinents. Zuwendung und Abneigung der Amerikaner gegenüber ihrer alten Heimat, die daraus resultierten, fanden sich fast spiegelbildlich in Europa wieder. Lange Zeit ist das geistige und politische Leben im Deutschland des 19. Jahrhunderts geprägt von Bewunderung und Verachtung gegenüber der Neuen Welt. Im 20. Jahrhundert hat dieses Syndrom aus antiwestlichen Affekten, politischer Romantik, moralisierenden Vorbehalten gegenüber der Republik wesentlich zum Untergang der ersten deutschen Demokratie beigetragen.

Es gehört wohl zu den kreativsten Entscheidungen der deutschen Politik, welche Konsequenzen die Gründergeneration nach dem Zweiten Weltkrieg aus alledem abgeleitet hat: Man vollzog eine Wendung des Koordinatensystems deutscher und europäischer Politik – weg von den unsteten Unsicherheiten der Standortbestimmung, eindeutige Absagen an Sonderwege und Nationalismen, hin zur existentiellen Westbindung, Zusage zur gemeinsamen Stabilisierung der westlichen Freiheit. Und dazu steht dann bei Arthur Burns eine Bemerkung, die all denen Recht gibt, die mit Optimismus die Zukunft der deutsch-amerikanischen Partnerschaft sehen:

"Ich verließ Deutschland mit mehr Vertrauen in seine Zukunft, als ich bei meiner Ankunft empfunden hatte. Die Bundesrepublik ist zu einer Demokratie herangewachsen, deren Bürger die Menschenrechte respektieren und zu würdigen wissen. Wir Amerikaner hatten zum Aufbau des neuen Deutschlands einiges beizutragen und können auf den Geist wie auf die Substanz unseres Beitrages zu Recht stolz sein. Aber die moralische und politische Erneuerung Deutschlands wurde hauptsächlich von jener Generation von Deutschen vollbracht, die sich aus den Trümmern der von einem furchtbaren Krieg hinterlassenen Zerstörung erhob. Diese Generation hat inzwischen ihren Kindern eine demokratische, auf die Herrschaft des Rechts und die Freiheit des einzelnen gegründete Gesellschaft errichtet."