Von Werner Schlegel

Borken

Samstag, 4. Juni: Um 8 Uhr 24 öffnet Georg Dönch in der Borkener Bahnhofstraße die Haustür. Vom Treppenpodest schaut er auf die beiden Tageszeitungsreporter und mich herab. Er strahlt. „Herr Dönch, was sagen Sie dazu?“ fragen die Journalisten. Seine Antwort spiegelt wider, was viele zu dieser Stunde glauben: „Ein Wunder, es ist ein Wunder!“ ruft er.

Drinnen im Wohnzimmer, Emma Dönch. Hinter ihrem Sessel ein Gestell mit Infusionsflaschen. Zwei Stunden zuvor hatte sie (was wir nicht wußten) auf dem Gelände der Braunkohlengrube Stolzenbach einen Schwächeanfall erlitten, nachdem sie ihrem geretteten Sohn Wilfried glücklich um den Hals gefallen war. Noch immer völlig aufgewühlt und mit Freudentränen in den Augen spricht auch sie nur von einem Wunder. Die um halb sechs Uhr morgens telephonisch von Bergwerksdirektor Walter Lohr erhaltene Nachricht „Ihr Sohn lebt!“ konnte sie nicht fassen. „Herr Lohr, kann ich’s glauben, kann ich’s wirklich glauben?“ Den Geretteten, früher Schlosser im PreußenElektra-Kraftwerk am Nordwestrand Borkens, wird sie „nie mehr in das Loch da unten lassen“.

Ein Stellenabbau in diesem 1000-Megawatt-Kraftwerk hatte den 21jährigen Wilfried Dönch in die Grube gezwungen. Er fürchtete „den Berg“, aber ihm blieb keine Wahl. Die PreußenElektra (Preag) ist der einzige große Arbeitgeber für die 5000 Einwohner zählende Kernstadt Borken und die eingemeindeten umliegenden Dörfer mit noch einmal rund 10 000 Menschen. Georg Dönch, selbst 32 Jahre Meister bei dem Energieversorgungsunternehmen, wollte dem Sohn die Untertagearbeit ersparen. Vergeblich. „Die haben doch Druck gemacht“, sagt die Mutter...

Der Versuch, im Laufe des Vormittags mit Angehörigen anderer Geretteter zu sprechen, erweist sich als unmöglich. Da sind ihre Häuser längst von Illustriertenreportern und -photographen umlagen. Auf die Überlebenden hat die gleiche Jagd eingesetzt, die am Donnerstag den Familienmitgliedern der bis dahin geborgenen und identifizierten Todesopfer galt. Am Samstagmittag wird die Situation so schlimm, daß den Betroffenen Polizeischutz angeboten wird.

Gleich nach der Ankunft am Vorabend bekomme ich die Folgen dieser Sensationsberichterstattung zu spüren. „Wie die Geier seid ihr, hau bloß ab!“ werde ich in der Tankstelle am Ortseingang von Ewald Mayer angefaucht. Tankstellenpächter Heinz Vietor versucht mit dem Hinweis zu vermitteln, daß es „schließlich auch seriöse Zeitungen gibt“. Andere Anwesende stimmen zu, sind trotz der gemachten Erfahrungen zu Auskünften bereit.