Von Jürgen Krönig

London, im Juni

Der Falkland-Konflikt ist die letzte Gelegenheit gewesen, bei der die britische Nation beweisen konnte, daß sie imstande ist, Außergewöhnliches zu leisten." Für den Daily Telegraph, immer noch das Blatt des traditionellen Tory-Wählers, war damals, vor drei Jahren, die Welt noch weitgehend in Ordnung. Ab und an störte zwar ein hartnäckiger Einzelgänger aus der Labour-Fraktion durch hintergründige Fragen an die Premierministerin den allzu verklärten Blick auf den Krieg im Südatlantik. Für die übergroße Mehrheit der Briten aber stellte er eine Phase ihrer jüngeren Geschichte dar, die nun keinen Anlaß bot, in grüblerische Selbstzweifel zu verfallen.

Nur vor diesem Hintergrund wird begreiflich, warum ein Fernsehfilm wie "Tumbledown" jetzt derart heftige Emotionen auslöste: "Ein häßlicher und wirrer Film, der die Öffentlichkeit demoralisieren wird", klagte ein konservativer Abgeordneter; ein anderer bediente sich des einprägsamen und schon bei anderen historischen Gelegenheiten benutzten Bildes vom "Dolchstoß in den Rücken der Nation". Die Fernsehgesellschaft BBC setze alles daran, "Opferbereitschaft und Heroismus herabzusetzen, die es uns möglich machten, die Ftlklandinseln zurückzugewinnen". Wieder andere trieb die Sorge um, es könnten sich Schuldgefühle breitmachen. Sie verlangte andere Programme, die "erklären sollen, daß der Krieg geführt wurde, um die Freiheit zu verteidigen".

Die empörten Tory-Politiker brauchten sich über Mangel an publizistischer Schützenhilfe nicht zu beklagen. Mochte auch der Kritiker der Financial Times "zu Tränen gerührt" sein und der liberale Guardian feststellen, daß "Falkland nicht Vietnam und ‚Tumbledown‘ weder unser ‚Platoon‘ noch ‚Apocalypse Now‘ ist" – die meisten konservativen Zeitungen, nicht zuletzt die Massenpresse Rupert Murdochs, denunzierten das BBC-Fernsehspiel als übles Machwerk. Der Telegraph fragte, ob denn "kein nationales Epos mehr vor Respektlosigkeit" gefeit sei und hielt es offenbar für dringend geboten, in einem grundsätzlichen Artikel den Krieg um die Insel im Südatlantik zu rechtfertigen.

Dabei stellt der Film die Berechtigung des Krieges weder in Frage, noch kann er überhaupt unter der Rubrik "Antikriegsfilm" abgebucht werden. "Tumbledown" erzählt die Geschichte des Falkland-Veteranen John Lawrence, der als junger Leutnant der Elite-Einheit "Scots Guard" in den Krieg gezogen war, nachdem er bis dahin im nordirischen Bürgerkrieg einschlägige Erfahrungen gesammelt hatte. Bei der letzten Schlacht des Falklandkrieges um den Berg "Tumbledown" riß ihm eine Kugel einen Teil der Schädeldecke weg; er verlor 45 Prozent seines Gehirns und ist seither teilweise gelähmt. Auf seinem Buch "Als der Kampf vorbei war", das er mit Hilfe seines Vaters geschrieben hat, basiert der Film von BBC-Regisseur Richard Eyre.

Der Buchtitel verrät, worum es auch im Film geht: um das Schicksal jener "vergessenen Helden", die schwerverletzt, oft körperlich und seelisch gebrochen, in die Heimat zurückkehrten und oft genug mit ihrem Schicksal allein fertig werden mußten, nachdem die Siegesfeiern und festlichen Ordensverleihungen vorüber waren und der patriotische Überschwang jener Wochen verebbt war.