Von Ulrich Stock

Kiel

Gerade eine Woche ist der erste Umweltminister in der Geschichte Schleswig-Holsteins im Amt; Robbensterben und Algenteppich halten Berndt Heydemann in Atem, und alle Hände voll hat er zu tun, die Abteilungen seines Ressorts aus den sechs Ministerien herauszulösen, die bisher den Umweltschutz im Land unter sich aufteilten. Sich um die Altlasten der CDU-Umweltpolitik zu kümmern, hatte Heydemann noch gar keine Zeit. Sobald er sie hat, sollte er sich einmal die Arbeit in der Kieler "Untersuchungsstelle für Umwelttoxikologie" (UfU) ansehen, denn dort geschehen – wissenschaftlich gesehen – schlimme Dinge.

Jede Frau in Schleswig-Holstein, die ihr Kind länger als vier Monate stillt, kann bei der UfU kostenlos ihre Muttermilch auf Schadstoffe untersuchen lassen. Wer den UfU-Jahresbericht 1987 liest, in dem die Ergebnisse insgesamt bewertet werden, muß denken: Im Norden ist die Umwelt noch in Ordnung. Zwar stellt der Bericht fest, "daß jede Muttermilch... mit persistenten Organochlorverbindungen belastet ist", doch habe nur fünf Prozent der Frauen vom weiteren Stillen abgeraten werden müssen. "Ein Anstieg der Rückstandsmengen konnte für keinen der untersuchten Fremdstoffe festgestellt werden.... Muttermilch bleibt trotz der Rückstände die ideale Ernährungsform für den Säugling in den ersten vier Lebensmonaten."

Über diese Einschätzung des UfU-Leiters Dr. Birger Heinzow sind die Wissenschaftler in dem der UfU direkt benachbarten Toxikologischen Institut der Universität Kiel mehr als entsetzt: Privatdozent Dr. Carsten Alsen-Hinrichs spricht von "bewußter Irreführung der Öffentlichkeit". Der Uni-Toxikologe beanstandet, "daß die Milch erst im vierten Stillmonat und dann auf lediglich einige wenige altbekannte Chlorkohlenwasserstoffe wie DDT, HCB, HCH und PCB analysiert wird". Er moniert, daß der UfU-Leiter zur Beurteilung der Ergebnisse unkritisch die vier Jahre alten Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) übernimmt. Die DFG-Grenzwerte betragen für manche Schadstoffe bereits ein Zehntel der höchsten im Tierversuch gerade noch unschädlichen Dosis, statt – wie in der Toxikologie sonst üblich – ein Hundertstel, Tausendstel oder sogar Zweitausendfünfhundertstel.

Alsen-Hinrichs schwerster Vorwurf ("vorsätzliche Täuschung") ist jedoch, "daß Herr Heinzow das Vorkommen der gefährlichen Chlordibenzodioxine und Chlordibenzofurane in der Muttermilch einfach verschweigt. Derartiges Handeln einer Landesbehörde ist nicht mehr nur mit Unwissen zu entschuldigen, da das Dioxin-Problem auch dort bekannt ist". In der Tat ist im Umweltgutachten der Bundesregierung vom Dezember vergangenen Jahres die Dioxin-Furan-Problematik ausführlich dargelegt: "Die bisher bekanntgewordene Belastung der Frauenmilch mit dieser Stoffgruppe führt dazu, daß ein gestillter Säugling in der Bundesrepublik Deutschland täglich eine Menge aufnimmt, die erheblich über der liegt, die als Vorläufige Tägliche Aufnahmemenge für Erwachsene für vertretbar gehalten wird." Im UfU-Jahresbericht, der im Januar dieses Jahres erschien, ist mit keinem Wort die Rede davon.

UfU-Leiter Heinzow rechtfertigt sich damit, daß a) es nicht Aufgabe der UfU sei, die DFG-Richtlinien infrage zu stellen, b) diese komplexe Materie in einem Jahresbericht nicht erörtert werden könne, c) die UfU Dioxin/Furan-Untersuchungen nicht durchführen könne, weil sie zu teuer und zu aufwendig seien.