Frankreich leistet sich manchen Luxus. Erst die Präsidentenwahlen und dann die Neuwahlen zur Nationalversammlung: In keinem anderen Land der Welt stellt sich erst nach vier aufeinanderfolgenden Wahlgängen endlich heraus, wer die Macht ausüben wird und ob künftig der vom Volk gewählte Präsident oder der auf das Vertrauen des Parlaments angewiesene Premierminister das Sagen hat. Doch wenn Schlag auf Schlag am 24. April, am 8. Mai, am vergangenen und nun noch am kommenden Sonntag die Bürgerpflicht ruft, stellen sich schließlich viele Franzosen taub: Mehr als ein Drittel ist dem ersten Gang der Parlamentswahl fern geblieben.

Die Leidtragenden waren namentlich die Sozialisten, welche die Bürger nicht zu mobilisieren vermochten und mit rund 37,5 Prozent ein Ergebnis erzielten, das deutlich unter ihren (hochgespannten) Erwartungen liegt. Mitterrands Partei hatte Mitterrands Versprechen der ouverture – der Öffnung nach der Mitte – nicht eingelöst, jetzt bekam sie die Quittung.

Läßt sich das Versprechen nachträglich einlösen? Wenn die Sozialisten haushoch gesiegt hätten, würden sie sich einen Deut darum kümmern, die Zentristen als Regierungspartner zu gewinnen. Weil sie aber mittelmäßig abgeschnitten haben, sind sie beim zweiten Wahlgang auf die Unterstützung der Kommunisten angewiesen, die von einer ouverture nichts wissen wollen. Das geltende Wahlsystem ermüdet nicht nur die Bürger, sondern verhindert auch die Öffnung, nach der sich die Mehrheit sehnt. Ro.W.