Robert "Bobby" Kennedy hat die politischen Phantasien der Amerikaner seit seinem Tod stark beschäftigt. Sein 20. Todestag am 6. Juni hat solchen Beobachtungen neue Nahrung gegeben und – mitten im Präsidentschaftswahlkampf 1988 – den tieferen Sinn der Robert-Kennedy-Verehrung enthüllt.

Seine Ermordung habe eine Wunde gerissen, die nur immer stärker und nicht weniger schmerzt, je weiter die Zeit vergeht, schrieb Jack Newfield in einem neuen Vorwort zu seinen 1969 erschienenen Robert-Kennedy-Memoiren. In den Zeitungen des Landes gab es dieser Tage eine wahre Flut von Gedächtnisartikeln.

Zur Gedenkfeier am Montag auf dem Heldenfriedhof in Arlington hatten sich an die 10 000 Menschen versammelt. Anthony Lewis, einer der unerschütterlichsten Verfechter der Robert-Kennedy-Legende, schrieb in der New York Times den bemerkenswerten Satz, die Vereinigten Staaten "wären heute ein anderes Land, wäre er am Leben geblieben".

Die Tragik der Ermordung "Bobbys" war für das damalige Amerika unfaßbar: Sie ereignete sich weniger als fünf Jahre nach der Ermordung des Präsidenten Kennedy, nur zwei Monate nach der Ermordung Martin Luther Kings. Das Vakuum, das Robert Kennedys Tod hinterließ, sei nie wieder aufgefüllt worden, sagt einer der Zeitzeugen. Ein ehemaliger Mitarbeiter "Bobbys" sieht allerdings in der neuerlichen Suche nach der Bedeutung Robert Kennedys für die amerikanische Geschichte den stärksten Hinweis dafür, wie sehr das Land wieder nach einer Führungspersönlichkeit mit ausgeprägtem Sinn für soziale und rassische Gerechtigkeit verlangt.

Vielleicht ist es gerade das Unvollendete seines Lebens und Wirkens, das ihn in Amerika für immer jung und somit in der Diskussion hält. U.Sch.