Von Reinhold Rombach

Unter Börsianern gilt es als ausgemachte Tatsache, daß sich durch geduldiges Abwarten auf lange Sicht bessere Erträge erzielen lassen als mit hektischem Aktionismus. Freilich gehört zu einer erfolgreichen Anlagestrategie noch ein Gespür dafür, welche der Aktienmärkte in der Welt sich wohl am besten entwickeln werden.

Hubert Günter, Direktoriumsmitglied der Bank in Liechtenstein (BIL), kann offenbar mit beiden Eigenschaften aufwarten. Fünf Monate nach dem Start der Zeitbörse liegt die Bank nunmehr mit einem Gesamtvermögen von 124 522 Mark deutlich an der Spitze – eine ansehnliche Leistung. Günter hat bereits in der ersten Halbzeit der Spieldauer annähernd 25 Prozent Gewinn auf das Startkapital von 100 000 Mark erwirtschaftet.

Bemerkenswert ist, daß alle drei Aktien im BIL-Depot ordentliche Gewinne verzeichnen – allen voran der zu 54,28 Mark gekaufte niederländische Verlags wert VNU, der alleine 42,13 Prozent zuzulegen vermochte. Mit dem französischen Einzelhandelskonzern Casino (Kaufkurs umgerechnet 34,21 Mark) und dem deutschen Stahlwert Hoesch (Kaufkurs 114,70 Mark) konnte Günter weitere Gewinne von 25,81 beziehungsweise 16,39 Prozent für sein Haus verbuchen. Gerade bei Hoesch zeigt sich, wie lohnend der Blick nach vorne ist. Etliche Wertpapierexperten beziehen noch zu sehr die zweifellos ertragbelastende Stahlvergangenheit des Dortmunder Unternehmens in ihre Beurteilungen ein – und übersehen dessen allmähliche Wandlung zum Hochtechnologiekonzern. Durch konsequente Verbreiterung der Geschäftstätigkeiten, wie zum Beispiel im EDV-Software-Bereich, in der Steuerungselektronik oder durch die unmittelbar bevorstehende Übernahme des Stoßdämpferherstellers Bilstein, schafft sich Hoesch neue lukrative Ertragsquellen.

Ende des vergangenen Monats verkaufte Hubert Günter schließlich seine Casino-Aktien mit einem stattlichen Gewinn von 7744,39 Mark. Damit standen 37 749,77 Mark zur Wiederanlage an. Das freie Kapital investierte der Geldexperte wieder in den französischen Aktienmarkt. Selbst wenn die Sozialisten erwartungsgemäß am kommenden Sonntag die absolute Mehrheit in der Pariser Nationalversammlung erreichen sollten, so Günter, ist die Börse in unserem Nachbarland noch für einige positive Überraschungen gut. Im übrigen sei dieser Wahlausgang von den Marktteilnehmern längst in den Kursen vorweggenommen worden.

Fundamentale volkswirtschaftliche Daten sprechen ohnehin für ein verstärktes Engagement an der Pariser Börse. Die französische Wirtschaft wächst kräftiger als hierzulande, die Kurs-/Gewinnverhältnisse (KGV) der Aktien liegen ebenfalls unter den hiesigen, und zudem rechnen die Unternehmen mit Ertragssteigerungen von durchschnittlich elf Prozent.

Hubert Günter entschied sich für die Aktien der Compagnie Generale d’Industrie et de Participations (CGIP) zum Stückpreis von 1038 französischen Francs (umgerechnet 308,08 Mark). CGIP, eine große Industrieholding mit einem erfolgreichen Management, hat eine Reihe interessanter Beteiligungen im Portefeuille, so zum Beispiel an der Cap Gemini Sogeti, dem führenden europäischen Software-Haus für professionelle Computerprogramme. Einer Analyse des britischen Brokerhauses James Capel zufolge liegen die Wachstumsraten in dieser Geschäftssparte seit 1975 bei jährlich 22 Prozent und sollen auch in der nächsten Dekade mit ähnlichen Größenordnungen aufwarten. Cap Gemini selbst wächst aber beträchtlich schneller. Im laufenden Geschäftsjahr wird ein Gewinnwachstum von vierzig und im darauffolgenden von dreißig Prozent avisiert. Weitere Gewinne erwirtschaftet CGIP mit dem Verpackungsmittelhersteller Carnaud, der Groupe Orange Nassau und mit Cedest. Mit einem für 1988 erwarteten KGV von 6,4 ist die Aktie als ausgesprochen preiswert einzustufen.