Die Schreibsucht schien Montaigne Kennzeihen eines verderbten Jahrhunderts zu sein. "Wann schrieben wir je mehr als heute, wo alles drüber und drunter geht?" Er forderte Zwangsgesetze gegen "unfähige und unnütze" Schriftsteller. Es hat nichts geholfen.

"Es ist zum Lachen, ich kenne kaum jemanden im Seminar, der nicht schreibt oder geschrieben hat", schreibt Walter Buse ("geb. 1960 in Gelsenkirchen; lebt in Bonn"), auch er ein Süchtiger: "Schreiben war mir früh schon selbstverständliche Praxis, Freistatt im täglichen Kleinen." Oder Gernot Scheffel ("geb. 1962; lebt in Marburg"): "Ich schreibe seit meinem fünften Lebensjahr (sog. Kann-Kind)." Oder Ulli Wetzler ("geb. 1959 in Offenbach; lebt in Wiesbaden"): Jahrelang konnte es mir passieren, daß ich mich an den Schreibtisch setzte und bis zum letzten Moment nicht sicher war, ob ein Gedicht, eine Buntstiftzeichnung oder eine Sonate herauskommen würde. Meinte dann leider, mich entscheiden zu müssen: Seitdem ist mir das Schreiben schwer."

Ich mal wieder: Jeder ein Autor, jedes Ich ein Weltmittelpunkt. Lektoren, Verleger und Redakteure kennen die Flut der Schreibübungen, Verse in Tintenschrift, Prosa aus dem Computer – wer schreibt, will sich gedruckt sehen. Ein Zeichner kann sich die eigenen Bilder an die Wände pinnen oder sie an Bekannte verschenken, der Hausmusiker ist damit zufrieden, daß der Nachbar unfreiwillig zuhören muß – der Hobbypoet steht ratlos vor seinem Manuskript. War’s das schon? Das kann noch so sauber aus dem Laser-Drucker, der neben dem Heimcomputer steht, kommen: da fehlt noch etwas, die Weihe, die Veröffentlichung. Und so schickt er (oder sie) die Texte in der Welt herum. Auch Schriftsteller, wenn sie arriviert sind, werden von solcher Post nicht verschont – vielleicht könnten sie doch die Wege ebnen für die Kollegen?

Einem Empfänger platzte jetzt der Kragen. Der Lyriker Uli Becker (geboren 1953 in Hagen; lebt in West-Berlin) hat sich Hauswurfsendungen dieser Art ein für allemal verbeten. Zusammen mit einem Freund gab er die Anthologie "Ich mal wieder" (Rowohlt-Verlag) heraus, und beide haben, wie der Spiegel diese Woche berichtet, unter dem Pseudonym Erwin Kliffert das ganze "Selbstverliebte Lesebuch" von A bis Z erfunden. Ein Meisterwerk der Parodie.

Es gibt keinen Walter Buse, keinen Gernot Scheffel und keinen Ulli Wetzler. Auch Jens Koppitsch ("lebt in New York") und Rudi Haas ("lebt auf Reisen") existieren in Wirklichkeit nicht, ebensowenig wie Cordula van Sacken, die in ihrem selbstverfaßten Lebenslauf schreibt: "Wie das wohl ist, wenn man plötzlich berühmt wird? Jedenfalls, ich freue mich ganz toll drauf!"

Ein bißchen dicke? Klar. Die literarischen Spitzbuben haben ihre Fahnen gelegt. Ruth Esther Bendenbrügk "bereitet derzeit eine umfassende Monographie über Selbstmörderinnen vor", über Elvira Kaltenbach erfahren wir: "Bisher erst eine Veröffentlichung (im Hamburger Poesie-Telefon in der Woche von 14. bis 20. März 1985)".

Und trotzdem: hätte es einer bemerkt? Diese Anthologie ist ein Perle der Verstellungs- und Fälschungskunst. Die Texte, Verse und Prosa, variieren den neuen Ton der Innenschau nach Kräften, kein! Eckhard Henscheid hätte besser hinlangen können. Das geht bis zum "Tagebuch zur Herausgabe eines Tagebuchs". Auch die weibliche Selbsterfahrung darf nicht fehlen: "Ich befühle meine Zähne / kein Mann hat meine Zähne / je befühlt / hat geschaut nach Plomben Ecken / Lücken Nischen Spalten / für die Liebe einer Zunge / Ich befühle meine Zähne".