Als die 44jährige Chefarztgattin Claudia D. im vergangenen September ihren Wagen in der Hamburger Hafenstraße parkte, kam ein Mädchen aus einem der bemalten Häuser und fragte: "Wie lange willste denn noch hier rumstehen?" Nachdem Claudia, D. nicht reagierte, schlug ihr das Mädchen mit der Faust ins Gesicht. Am nächsten Tag bringt Bild die Schlagzeile "Neuer Terror Hafenstraße: Arztfrau verprügelt". Was die Frau den StW-Reportern erzählte, – man ahnt es schon – wird zum Verbrechen des Tages aufgeblasen: "Ein Punkmädchen mit roten Haaren, schmuddeligem Sweatshirt und Jeans hat die Frau eines Chefarztes überfallen, verprügelt und versucht, ihr die Handtasche zu rauben." Hamburg ist empört.

Das Timing stimmt. Denn gleichentags verhandelt man im Hamburger Senat über den Pachtvertrag mit den Besetzern der Hafenstraße. Zum wiederholten Mal wettert die Opposition dagegen. Auch die Rechten in der SPD haben Einwände. Nach der Terror-Meldung wird der Beschluß – man ahnt es ebenfalls – vertagt.

Wenn es darum ging, den Hamburger Senat und Bürgermeister Dohnanyi in Sachen Hafenstraße kleinzukriegen, gaben Springer-Journalisten ihr letztes. Mit Kriegsvokabeln schrieben sie in der Welt, in Bild und im Hamburger Abendblatt jene Randale-Nacht im November letzten Jahres geradezu herbei, als in der Hafenstraße Barrikaden und Autos in Flammen aufgingen. Da identifizierte das Abendblatt schon Monate zuvor eine Lastwagenladung Kalksteine als "Nachschub für die Hafenstraße", und in der Tatsache, daß im Sommer einige geräumte Wohnungen wieder möbliert wurden, witterte der politische Redakteur militante Machenschaften: "Bewohner rüsten zur Wiederbesetzung".Die Parole "Räumen und Abreißen" beherrschte jeden zweiten Hafenstraßen-Artikel.

Gerne läßt sich Springers Pressemacht von Mitgliedern der CDU-Opposition als Schlachtroß benutzen. Aus CDU-Führer Perschaus Mund verkündet das Abendblatt, daß Dohnanyi sich als "Tanzbär" aufführe. Und die Welt spekuliert mit boshafter Häme, ob es wohl eine Dienstanweisung der Hamburger Innenbehörde gäbe, die der Polizeipressestelle verbiete, "Straftaten in der Hafenstraße publik zu machen".

In Hamburg alltägliche Bagatelldelikte – aufgebrochene Autos und geprellte Taxirechnungen – werden, wenn sie sich in der Hafenstraße ereignen, zu Indizien für die Handlungsunfähigkeit des Senats stilisiert. Die Springer-Blätter, die in Hamburg fast die ganze Tagespresse ausmachen, haben mit ihrer Strategie Erfolg. Selbst als Dohnanyi im Januar dieses Jahres den immer wieder verschobenen Pachtvertrag mit der Hafenstraße endlich über die Bühne brachte und der "friedlichen Lösung" nun nichts mehr im Wege zu stehen schien, behauptete die Überschrift im Hamburger Abendblatt das Gegenteil: "Null Bock auf Räumen – Bock auf Brötchen". Derlei Defätismus, den Springer-Journalisten angesichts der Hafenstraße von jeher an den Tag legen, wurde durch die Senatspolitik zur Wahrheit: Fünf Monate dauerte es, ehe der Hafenstraßen-Vertrag nach verschleppten Beschlüssen über die rechtliche Konstruktion jetzt in Kraft treten konnte.

Daß die sozialdemokratische "Bastion Hamburg", unter dem Trommelfeuer der Springer-Zeitungen immer mal wieder "ins Wanken" (Welt) zu bringen ist, erfuhren die Hamburger schon unter Dohnanyis Vorgänger Hans-Ulrich Klose, der im Mai 1981 abdankte. Hausgemachte Intrigen und das Verstummen der parteiinternen Diskussion lieferten der Springerpresse immer wieder Munition. Der Umbau des Hamburger Rathausmarktes zum Beispiel, einst vom Abendblatt freudig mit Umfragen angeheizt, erklärte Bild am Sonntag in Ubereinstimmung mit der SPD-Rechten zur kostspieligen Egomanie des Bürgermeisters: "Ich würde Klose keine müde Mark anvertrauen", geißelte dort der "letzte echte Arbeiter im Senat", der frühere Schatzminister Wilhelm Eckström, Kloses angebliche Verschwendungssucht. Genüßlich verbreitete Bild am Sonntag Eckströms Behauptung, für die Rathausmarkt-Sanierung sei roter Granit vorgesehen ("Kloses Roter Platz"). Daß es eine Ente war, hinderte die Springer-Blätter nicht, mit dem zugkräftigen Schlagwort zu agitieren.

Auch Dohnanyis Weg zum Abtritt ist seit den Zerwürfnissen mit den SPD-Rechten wegen der Hafenstraße mit Kampagnen gepflastert. Die meisten Springer-Redakteure betrachten ihr Handwerk, was die Hamburger SPD angeht, als leidige, aber bequeme Pflichtübung. "Wenn im Polizeibericht das Wort Hafenstraße auftaucht, ist der Lokalaufmacher doch schon gesichert", sagt ein Mitarbeiter des Hamburger Abendblattes. Und die Sozialdemokraten wissen den Anwürfen der Springer-Blätter heute nichts mehr entgegenzusetzen. So darf sich der neue Bürgermeister Henning Voscherau zugute halten, Dohnanyis friedliche Lösung bei früheren Abstimmungen boykottiert zu haben – in Eintracht mit der Springerpresse. Frauke Hartmann