Von Dietrich Strothmann

Ob der Eindruck täuscht? Teddy Kollek wirkt müde, abgekämpft, wie einer, der am liebsten endlich in Ruhe – in verdienter Ruhe – gelassen werden will. Breitbeinig sitzt er in einem bequemen Stuhl unter der Predigtkanzel in der Nieuwe Kerk von Middelburg, der "Hauptstadt" der niederländischen Provinz Zeeland. Sein massiger Körper rutscht beinahe vom Sessel, die Brille sitzt schief, manchmal fallen ihm die Augen zu. Teddy Kollek ist einer der diesjährigen Preisträger der Roosevelt-Stiftung, geehrt besonders für seine Verdienste um den Schutz der Religionsfreiheit in Jerusalem.

Aber ist das noch der alte, unverwüstliche, ungeduldige "Teddy", der nur selten seine Zunge im Zaum halten konnte, der 16 Arbeitsstunden pro Tag durchstand wie ein durchtrainierter Langstreckenläufer? Jener Mann, den Ideen, Wünsche, Visionen ständig auf Trab hielten, der ständig unter Volldampf stand? Geradezu ein "Urviech" von Bürgermeister?

Es läßt sich leicht vorstellen, daß Teddy Kollek inzwischen ein anderer geworden ist, deprimiert, fast resigniert, jedenfalls bitter enttäuscht über das, was seit nun schon sechs Monaten auch mit seinem Traum, seinem Lebenswerk geschieht – seit dem Beginn der palästinensischen Intifada, des Aufruhrs der Kinder gegen die israelischen Besatzer, also auch gegen Teddy Kollek. Schnell ist erklärt, warum er glaubt, daß er zu lange in einem falschen Paradies gelebt habe; daß er sich leichtsinnigerweise zum Optimismus "überwinden" ließ, die Zeichen an der Wand schließlich doch nicht mehr gesehen habe. Teddy Kollek im niederländischen Middelburg, der Preisträger, scheint um Welten von jenem "Teddy" entfernt zu sein, der mit weit ausholenden Schritten durch die engen Gassen der verwinkelten Altstadt Jerusalems stapfte, der den Besucher mit festem Griff hinter sich herzog und ihm im Eiltempo die letzten und die nächsten Pläne zur Modernisierung der arabischen Viertel erklärte, hier eine Poliklinik, dort ein Garten, hier Kanalisation, dort Gemeinschaftsantennen. Und über allen Einzelheiten faszinierte seine grandiose Vorstellung von dem befriedeten, glücklichen Jerusalem, der endlich und für immer vereinigten Stadt, eines späten Tages vielleicht auch versöhnten Stadt, der Modellmetropole für die Koexistenz zwischen Juden und Arabern.

Und nun soll plötzlich das alles doch nur ein Luftschloß, eine Fata Morgana sein? Teddy Kollek wäre nicht "Teddy", der "Mister Jerusalem", steckte er jetzt auf, wo er seine härteste Bewährungsprobe durchstehen muß. Der gewichtige, stämmige Kerl ist er nicht mehr, dem sich kaum jemand in den Weg zu stellen wagte. Mit 77 Jahren reißt selbst er nicht mehr jeden Baum aus; nach drei Augenoperationen spürt auch er, wo die Grenzen seines sonst ungebändigten Tatendrangs liegen. Der alte "Teddy" ist nicht mehr der Alte, spätestens seit er mit Zorn und Trauer erkennen mußte, daß er all die Jahre wohl doch zu sehr dem Frieden getraut haben könnte: wo zwar im Juni 1967 die Mauer niedergerissen wurde, die Jerusalem in zwei feindliche Hälften teilte, wo Stacheldrahtverhaue und Schützenlöcher verschwanden – wo aber doch, all die späteren Jahre hindurch, eine unsichtbare, unüberwindbare Mauer bestehen blieb. Es war Glut unter der Asche. Der palästinensische Aufstand, der letzten Dezember explodierte wie eine Zeitbombe, brachte es an den Tag. Was am Jordan und im Gaza-Streifen in den Dörfern und Flüchtlingslagern geschah, ließ auch die heilige, "hochgebaute" Stadt Davids, Christus’ und Mohammeds nicht verschont. Auch hier wurden Steine geworfen, Straßen gesperrt, Geschäfte geschlossen. Gewalt brach auch in Jerusalem aus, dem "Fundament des Friedens", wie der Name dem Talmud gemäß lautet.

Nicht einmal in seinen schlimmsten Alpträumen hätte Teddy Kollek es für möglich gehalten, daß gerade in dieser Stadt und zu seiner Amtszeit geschossen, geschlagen, getötet werden würde. Dabei ist der gebürtige Wiener und zionistische Haudegen seit den ersten Stunden der jüdischen Heimkehr nach Palästina alles andere als ein blauäugiger Phantast gewesen. Der Weltkrieg, der Holocaust, die Rettung jüdischer Kinder aus Eichmanns Händen, dann die Gründung des Staates, der zuallererst Waffen brauchte, Geld und Menschen, die Jahre als Botschafter in Washington, als rechte Hand David Ben Gurions, schließlich seit 1965 sein Amt als Bürgermeister dieser schwer zu regierenden Stadt Jerusalem, mit ihren verschiedenen Religionsgruppen, ihren gegensätzlichen Bevölkerungsteilen, ihren widerstreitenden politischen und ideologischen Lagern – das hält kein bloßer Träumer aus.

Auch "Teddy" ist aus Jerusalemstein: hart, fest, unverwüstlich. Die Araber nennen diesen typischen Stein nicht ohne Grund "Judenkopf". Und Kollek ist, soweit es ging, Realist geblieben: "Zweitausend Jahre haben wir auf die Rückkehr gewartet. Was sind da zwanzig Jahre? Juden und Araber in einer gemeinsamen Stadt, in Jerusalem, das ist eine lange Angelegenheit." Und frühzeitig schon entgegnete er Warnungen und Zweifeln: "Schlimmstenfalls sind wir wie Ameisen, die den allerschönsten Ameisenhaufen bauen, den es je gegeben hat – in der Hoffnung, daß niemand mit einem Stock darin herumstochert und ihn zerstört. Wenn das aber doch passiert, sind wir immer noch da, wir Ameisen. Dann werden wir ihn erneut aufbauen, und zwar so schön, wie wir können."