Washington, im Juni

Weshalb soll die First Lady im Weißen Haus eigentlich nicht ihre Astrologen befragen, da doch gegenwärtig in Amerika niemand so recht weiß, was ihm bevorsteht? Wer derzeit in den Vereinigten Staaten nach der politischen Zukunft fragt, wird mit auffallender Regelmäßigkeit an eine Autorität verwiesen, die hierzulande nur mit einem Sepp Herberger zu vergleichen wäre. Ob es um die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen geht oder um die Entscheidungen danach – sehr oft endet das Gespräch mit einem Zitat des legendären Baseball-Trainers Casey Stengel von den New York Yankees: "I never make any predictions, especially about the future." Keine Vorhersagen also, schon gar nicht über die Zukunft – das ist das Ergebnis der meisten Unterhaltungen.

Ein eigentümliches Geflecht von illusionslosen Stimmungen überträgt sich in der Begegnung mit der politischen Klasse des Landes, zumal in der gegenwärtigen Zwischenphase, da die Vorwahlsaison zu Ende ist, der eigentliche Zweikampf zwischen dem republikanischen und dem demokratischen Kandidaten aber noch nicht richtig begonnen hat. Ungewißheit, Zweifel und ein Realismus aus Ratlosigkeit – das sind durchgängig die Untertöne.

Niemand redet sich in Rage oder Begeisterung, keiner zieht dicke Striche in die Zukunft. Alle politischen Rezepte sind mittlerweile schon mit zweifelhaftem Erfolg ausprobiert worden – die Reaganomics eingeschlossen, die Vizepräsident George Bush vor acht Jahren als Voodoo économics verspottet hatte, damals, als er Ronald Reagan noch, erfolglos, die Kandidatur der Republikaner streitig machen wollte. Für neue Verheißungen gibt es inzwischen keinen Spielraum mehr.

Die Entzauberung aller politischen Glaubenslehren spiegelt sich in der Parabel wider, mit der Sidney Verba, Politikwissenschaftler in Harvard, die konkurrierenden Strömungen charakterisiert:

Auf dem Potomac kentert ein Boot, der Ruderer droht zu ertrinken, 50 Meter vom Ufer entfernt. Ein Konservativer kommt des Wegs und wirft dem Mann ein 25 Meter langes Seil zu – damit sollen seine Selbstheilungskräfte herausgefordert werden, auf daß er die fehlende Strecke von sich aus schwimme. Ein Liberal wirft ein 100-Meter-Tau in den Fluß, läßt es aber in dem Augenblick los, in dem der Strampelnde zugreift. Der Radical läuft ins Stadtinnere, um eine Protestdemonstration gegen die Gefahren des Potomac zu organisieren. Der Neokonservative schließlich schreibt einen scharfen Artikel über die anderen. Sidney Verba resümiert: "So oder so – der Mann ertrinkt."

Wo es keine zündenden Ideen mehr gibt, da stellen sich auch schwerlich anfeuernde Persönlichkeiten ein. George Bush oder Michael Dukakis, der republikanische Vizepräsident oder der demokratische Gouverneur des Bundesstaates Massachusetts – das ist die Wahl, vor der die Amerikaner jetzt stehen. Das Ergebnis der Vorwahlen von 1988 stelle eine Ausnahme dar, meint Gary Orren von der Kennedy School of Government in Harvard. "Normalerweise", sagt Orren, der sich schon öfters in demokratischen Kampagnen als Demoskop betätigt hat, "gewinnt nicht der kompetente, sondern der aufregende Bewerber. Diesmal war es ganz anders. Die am wenigsten aufregenden Kandidaten machten das Rennen: Bush und Dukakis."