Von Karl-Heinz Büschemann

Das ist schon erstaunlich, da bemüht sich ein Politiker anderthalb Jahrzehnte lang, als beinharter Parteimanager vom Mitglieder- und Fraktionsvolk gefürchtet zu werden oder als strammkonservativer Stimmungsmacher seine politischen Erfolge zu verbuchen – und dann will er ausgerechnet Wirtschaftsminister werden. Gerold Tandler, 51 Jahre alt, hält die Zeit nun für gekommen, dem Freistaat Bayern in diesem Amte zu dienen.

Da trifft es sich gut, daß Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß gerade einen Wirtschaftsminister braucht. Denn der bisherige Amtsinhaber, Anton Jaumann, ist nach achtzehn Jahren aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten und auch, weil er die ewigen Anfeindungen seines Parteichefs und Ministerpräsidenten leid war. Denn Strauß hat es all die Jahre immer nur mühsam ertragen, daß Jaumann keine kernigen Sprüche machte, sich mit seinen Kollegen aus den anderen Bundesländern gut vertrug und überhaupt ein konziliant-liberaler Mann war.

Ebenfalls gut trifft es sich für den Ministerpräsidenten, daß er seinen Gerold Tandler hat, auf den er sich immer verlassen kann. Da Strauß als Jaumann-Nachfolger jemanden will, der seine Stimme lauter – auch mal gegen die Bundesregierung oder die konkurrierenden Interessen anderer Bundesländer – erhebt, fiel seine Wahl auf seinen liebsten politischen Ziehsohn. Nächste Woche wird er Tandler zum Jaumann-Nachfolger ausrufen. Daß Tandler das Amt des bayerischen Wirtschaftsministers ausfüllen wird, daran zweifelt niemand. Schließlich gilt er als eine ausgesprochene politische Mehrzweckwaffe, die sich im Dienste für Strauß bewährt hat. Daß er sich schnell in ein fremdes Gebiet einarbeiten kann, dafür ist er bekannt.

Bei Gerold Tandler heißt die Frage ganz anders. Warum will ausgerechnet dieser Politprofi Tandler auf Macht verzichten? Immerhin ist er doch in seiner jetzigen Doppelfunktion als Parteigeneralsekretär und Fraktionsvorsitzender im Landtag nach dem Partei- und Regierungschef Franz Josef Strauß die einflußreichste Figur der weiß-blauen Politik. Die Antwort heißt: Weil er es auf die Macht abgesehen hat. Tandler will bayerischer Ministerpräsident werden, wenn Strauß – wie angekündigt – 1992 in Pension geht. Da kann ihm ein Staatsamt jetzt sehr nützlich sein.

Der gebürtige Sudetendeutsche mit dem "grimmigen Puttengesicht" (Der Spiegel) hat sich bisher vor allem als CSU-Generalsekretär (von 1974 bis 1978 und von 1983 bis heute) und zeitweilig als schärfer Innenminister in Bayern einen überregional bekannten Namen gemacht. Der CSU hat er als ihr Manager eine (offenbar wirkungsvolle) Organisation verpaßt. Doch der Ruf des kalten Parteifunktionärs und propagandistischen Scharfmachers reicht auch in Bayern nicht aus, um sich als Landesvater zu empfehlen. Aber kaum ein Amt ist besser geeignet, das ganz und gar unbayerische Image der kompromißlosen Bissigkeit abzuwerfen, als der Chefsessel im Staatsministerium für Wirtschaft und Verkehr. Da kann sich ein Politiker so recht als Staatsmann gebärden und mit wegweisenden Reden vor erlauchten Gesellschaften die ganze Welt vom eigenen Verantwortungsbewußtsein überzeugen.

Tandler wird sich sehr umstellen müssen. Ein Wirtschaftsminister hat keine direkte Macht. Divisionen, die draußen im Lande durchsetzen, was er will, hat er nicht, weil er nur über wenig Geld verfügt. Er kann nur durch Reden gute oder schlechte Stimmung für das Land machen. Als Tandler von 1978 bis 1982 ein ausgeprägter lawand-order-Innenminister im Freistaat war, da konnte er Demonstranten und Asylanten einschüchtern, als Fraktionsvorsitzender durfte er sein Fußvolk knechten. Aber Unternehmer, Verbände oder Gewerkschaften lassen sich nichts einfach vorschreiben. Sie schätzen nicht Einschüchterung, sondern Überzeugung. Doch bisher waren Tandlers Anregungen zur Wirtschaftspolitik eher unauffällig. Hochfliegende Gedanken sind von ihm bisher nicht bekanntgeworden. Neu wird es für ihn auch sein, integrierend zu wirken, widerstrebende Interessengruppen zusammenzubringen und nicht mehr zu polarisieren, so wie es ihm bisher immer sehr leicht gefallen ist.