Von Benjamin Henrichs

Einerseits ist alles eine tolle Komödie. Andererseits ist es ein wirklicher Skandal, eine wahre Staatstragödie. Aber vielleicht, würde Thomas Bernhard sagen, ist das die wirkliche Komödie.

Claus Peymann, Burgtheaterdirektor in Wien, gibt dem Journalisten André Müller ein Interview, DIE ZEIT druckt das Gespräch – die Folgen sind nahezu unbeschreiblich (und übertreffen auch alle Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen der Beteiligten bei weitem). Noch, am Anfang dieser Woche, ist Claus Peymann Burgtheaterdirektor in Wien. Vielleicht ist er es bald nicht mehr. Vielleicht ist er es aber auch noch lange. Alles ist möglich.

Die einen haben das Interview genossen. Die anderen sind schrecklich empört (aber natürlich ist auch die Empörung ein Genuß). Und mancher, der sich jetzt öffentlich entrüstet, lacht sich im Kämmerlein ins Fäustchen. Wie jeder Skandal, so ist auch dieser die Stunde der Pharisäer.

Aber was ist das Spektakel denn nun? "Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?", heißt eine frühe Erzählung von Thomas Bernhard. Damals kannte der Dichter Bernhard den Theatermacher Peymann noch nicht; damals dürfte er nicht einmal in seinen Alpträumen geahnt haben, eines Tages Hausautor des Wiener Burgtheaters zu sein. ",Freilich, man müßte wissen, was heute gespielt wird’, sagte er, ‚aber sagen Sie mir nicht, was heute gespielt wird. Für mich ist das äußerst interessant, einmal nicht zu wissen, was gespielt wird. Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?‘ fragte er und sagte sofort: ‚Neinnein, sagen Sie nicht, was es ist. Sagen Sie es nicht!"

Thomas Bernhard ist, wie wir bald sehen werden, die geheime Schlüsselfigur der ganzen Affäre. Er muß beim (man muß nun wohl sagen: theaterhistorischen) Dialog zwischen Claus Peymann und André Müller die Geister und Stürme bewegt haben wie Shakespeares Ariel die Geister und Stürme im "Sturm".

Zwei Herren reden miteinander, Zeugen des Gesprächs gibt es nicht. Doch Thomas Bernhard – er war der unsichtbare Dritte.