Je schlimmer die Angriffe, könnte man meinen, desto besser Peymanns Position. Ist aber nicht so. Denn nun geschieht, was an einem deutschen Theater wohl noch nie geschehen ist: Die Schauspieler machen Aufstand gegen ihren Intendanten. Sie nennen Peymanns Interview einen "psychischen, intellektuellen und menschlichen Offenbarungseid", ja "einen Verrat der übelsten Sorte". Empört sind aber nicht nur die alten Burgschauspieler über ihren noch immer ungeliebten deutschen Direktor. Empört (oder zumindest traurig-irritiert) sind auch viele von Peymanns alten Kombattanten aus Stuttgarter und Bochumer Zeiten.

Wer in diesem Moment (da Peymann, der Direktor und der Regisseur, sogar von einem Boykott seiner Schauspieler bedroht ist) sagen würde, daß er das Interview komisch oder gar gut fand, der brächte sich selber (und mehr noch Peymann) in Gefahr. Deshalb muß es (aus relativ sicherer Ferne) gesagt werden: Das Interview war komisch, und es war gut. Thomas Bernhard hat es natürlich gewußt, vor zwanzig Jahren schon, in seiner kurzen Erzählung: "Und heute abend, das sage ich Ihnen, wird in dem Theater da drüben, ob Sie es glauben oder nicht, eine Komödie gespielt. Tatsächlich eine Komödie."

Alles begann mit einer Premiere, die ein Erfolg war (aber doch nicht der Erfolg, den Claus Peymann sich erträumte). Seine Wiener Inszenierung von Shakespeares Zauberkomödie "Der Sturm" wurde vom Publikum herzlich gefeiert, von den Kritikern herzlich bis herzlos verrissen ("bombastische Harmlosigkeit", "Entgleisung ins Geschmackvolle", "Zauberflaute").

Peymann, eben noch Märchenerzähler, kriegte die Große Wut. Forderte (per Fernschreiben der Burgtheaterdirektion) alle deutschen und erst recht alle österreichischen Kritiker auf, ihn doch gefälligst am Arsch zu lecken.

Doch mit diesem komischen Wutausbruch (den viele in Wien wohl gar nicht komisch fanden) war die Große Wut des Claus Peymann noch keineswegs verraucht. Genau in diesem (für Peymann prekären, für den Journalisten glücklichen) Moment betrat der Interviewer André Müller Peymanns Wiener Wohnung. Und das Tonband lief. Und es ging los.

Peymann, heute sagt er es selber, hat einen "Fehler" gemacht. Er hat den Interviewer (Autor des Buches "Gedankenvernichtung") nicht aus der Wohnung geworfen. Er hat, ganz im Gegenteil, vergessen, daß da ein Interviewer war. Er hat zu einem Abgesandten der neugierigen Öffentlichkeit so geredet wie zu einem verschwiegenen Seelsorger. Er hat seinen "Sturm"-Schmerz mit einer Art Schreitherapie bewältigt. Aber er hat dabei keineswegs die Kontrolle über sich selber verloren. Ein wahrer Exhibitionist würde bloß leidenschaftlich lallen. Peymann hat, von Müller sekundiert, eine präzise Komödie inszeniert. Gerade Theaterleuten, gerade Schauspielern müßte doch das hochgradig Theatralische, das Szenische des Interviews in die Augen fallen. Gerade sie (ob beleidigt oder nicht) müßten doch lachen. Aber das war ein Irrtum.

Von der ersten Minute des Interviews an redet Claus Peymann im Katastrophen- und Querulantenton einer Thomas-Bernhard-Figur. Der Theatermacher als Übertreibungskünstler: Er übertreibt und spielt mit der Übertreibung. Claus Peymann redet, und jetzt wird es abgründig, genauso wie "Claus Peymann" – wie jene Komödienfigur, die Thomas Bernhard in seinen drei unsterblichen Dramoletten hat auftreten lassen: "Claus Peymann verläßt Bochum und geht als Burgtheaterdirektor nach Wien" (DIE ZEIT Nr. 20/1986), "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen" (Theater heute, Jahresheft 1986), "Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese" (DIE ZEIT, Nr. 38/1987).