Alle über Peymann Erbosten sollten diese Dramolette jetzt noch einmal lesen. Sie enthalten (bis in Einzelheiten!) auch schon die ganze aktuelle Affäre. Ist das Zaubeiei, Thomas Bernhard ein Prophet? Oder hat der Dichter geahnt, daß der Theatermacher Claus Peymann eines Tages naturnotwendig die Grenze zwischen dem wirklichen Claus Peymann und dem Thomas-Bernhard-Peymann überschreiten würde? Aber halt! Da wir nicht in einem Schauerroman, nicht in einer Variation von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" sein wollen, sondern in einer Komödie, lesen wir lieber noch einmal "das Interview".

Claus Peymann hat viele Künstler, Kollegen, persönlich beleidigt. Die Beleidigten könnten es vergnügt ertragen, denn sie sind in illustrer Gesellschaft: Peter Handke neben Bernhard Minetti, Heiner Müller neben Botho Strauß. Sie könnten es umso besser ertragen, als Peymann niemanden stürmischer attackiert als sich selber.

Peymanns Interview enthält die tollsten Widersprüche (und alle Widersprüche zusammen sind der ganze Peymann). Ausgerechnet Peymann wirft dem großen Bernhard Minetti "Größenwahnsinn" und Schwatzhaftigkeit am Telephon vor. Wer jemals mit Peymann telephoniert hat, den muß diese Pointe beglücken. "Wir ziehen den Mächtigen die Hosen aus!" erklärt Claus Peymann stolz. Und zieht sich selber die Hosen aus!

Viele, die jetzt Empörung bekunden, haben das Interview als Ganzes niemals, gelesen, reden bloß aufgeregt über die "anstößigen Stellen", als wäre alles ein Pornofilm. Wer das Interview versuchsweise einmal nicht mit dem starren Blick und den Scheuklappen der Empörung liest, sondern (ein Lessing-Wort) "mit den Augen der Liebe", der müßte den Aberwitz darin erkennen. Unausstehlich in den Einzelheiten, unwiderstehlich als Ganzes. Aggressiv und gehässig – und doch liebenswert. Ein Wutanfall gegen das Theater – und ein sentimentales Plädoyer. "Ich möchte", sagt Peymann, "daß Schönes entsteht" – der Wunsch ist ihm nun fürchterlich erfüllt worden.

Ein "Psychogramm" ist das Interview gewiß, wie Peymanns härtester Widersacher, der Schauspieler Franz Morak, sagt. Aber ist es wirklich ein so schlimmes?

Gerhard Stadelmaier in der Stuttgarter Zeitung über den Interview-Peymann: "Ein unflätiges Kind und ein zartbesaiteter Fürst. Ein weinender Ohnmächtiger und ein großmächtiger Knallfrosch. Ein Clown und ein Totengräber. Ein Entertainer und ein Verzweifelter. Eine Schnauze und eine Seele. Ein Rachsüchtiger und ein Liebender. Alles zusammen und alles gegeneinander hat Peymann aus sich herausgeholt, damit gespielt und es wieder in sich hineingestopft. Ein Akt auch des Selbst-Exorzismus: Peymann treibt sich den Peymann (mit Beelzebub) aus. Der Wiener Erzbischof müßte entzückt sein."

Man muß nicht Kritiker sein (oder Peymann-Fan), um das Interview so zu lesen. Es reicht schon, wenn man Bundeskanzler ist.