Die letzte Frage zur Affäre ist eine gewissermaßen staatspolitische. Hat sich Claus Peymann als Führungspersönlichkeit nun endgültig unmöglich gemacht? Der Burgtheaterdirektor ist ein Monarch, und ein Monarch darf nicht nackt über die Bühne laufen.

Oder sollte er nicht gerade doch? In einer Zeit, da im Theater die alten Intendanten (die rechten und die linken Strieses) langsam verschwinden, die Generalmanager die Szene betreten, da in der Politik das Möllemann-Zeitalter unmittelbar bevorsteht, da im Journalismus die alten Chefredakteure von folgsamen Parteifunktionären (oder bestenfalls besorgten Justitiaren) verdrängt werden, ist eine Figur wie Claus Peymann ein Skandal, aber doch auch ein Trost. Daß er selber diese Rolle über die Maßen genießt, überzieht, alle anderen lärmend an die Wand spielt, ist das Problem. So gesehen war der Aufstand der Schauspieler gegen Peymann fällig und gut.

Wir nähern uns dem Finale. Wie in jeder wahren Komödie häufen sich nun die Augenblicke der Absurdität.

Einer von ihnen ereignet sich, weit weg von Wien, in einem Hamburger Studio des ZDF. In der Sendung "Das literarische Quartett" diskutieren, weil sich über das Theater eben doch viel besser streiten läßt als über die Literatur, die Dame Sigrid Löffler und die Herren Busche, Karasek und Reich-Ranicki lange und lautstark über die Affäre Peymann.

Marcel Reich-Ranicki (in einer kuriosen Doppelrolle als Diskussionsleiter und Hauptredner) nennt das Interview "amüsant", dann Peymann "inhuman" (wie paßt denn das zusammen?) und beschimpft DIE ZEIT, weil sie das Interview gedruckt hat.

Ausgerechnet Reich-Ranicki, dessen Krawall-Lust wir doch alle lieben, der erst kürzlich wieder die Mitglieder einer Akademie als "vertrottelt" bezeichnet hat (und für seine verbalen Exzesse nicht einmal ein Andre-Müller-Interview braucht), ausgerechnet Reich-Ranicki tritt nun auf als Anwalt zivilisierter Umgangsformen.

Doch nur wenige Minuten nach diesem bewegenden Plädoyer für Sittsamkeit und Anstand passiert es. Reich-Ranicki beschimpft einen Kritiker und Kollegen (und altbösen Feind) als "Analphabeten". Und hat sich mit diesem bildschönen Eigentor auch seine kleine, aber unvergeßliche Rolle im großen Drama (sagen wir: als Tartüfferle) gesichert.