ABZÜGE. In einer Gipfelsitzung letzte Woche fiel den Amerikanern auf: Erst drohte Außenminister Schewardnadse eine Verlangsamung des sowjetischen Truppenabzugs aus Afghanistan an, falls die Unterstützung der Mudschaheddin aus Pakistan nicht aufhöre; gleich danach trug Marschall Achromejew vor, die Rote Armee habe das Tempo der Rückführung beschleunigt. Nach dem Genfer Abkommen muß die Hälfte der Truppen – 100 300 nach Moskauer Angaben – bis zum 15. August abgerückt sein.

Auf ihre Heimkehr bereiten sich auch die 40 000 Kubaner vor, die seit 13 Jahren in Angola stehen. In Moskau einigten sich Amerikaner und Sowjets auf den 29. September als Zieldatum für die Beendigung des angolanischen Bürgerkriegs.

Zugleich zeichnet sich in Indochina Bewegung ab. Vietnam, von einer Wirtschaftskrise gebeutelt und von Moskau bedrängt, will noch im Juni mit dem Abzug von 50 000 Mann seiner auf 125 000 Mann geschätzten Besatzungstruppe in Kambodscha beginnen. Der Rest soll bis 1990 zurückbeordert werden.

Auch die Inder haben die Nase voll: Ihr vor zwei Jahren nach Sri Lanka entsandtes Expeditionskorps wird schon diese Woche zum Teil wieder abgezogen. New Delhi gibt die Stärke seiner Ordnungsmacht mit 52 000 Mann an: Militärs in Colombo nennen die Zahl 70 000.

Wie sagte doch Bismarck? "Wehe dem Staatsmann, der sich nicht nach einem Grund zum Kriege umsieht, der auch nach dem Kriege noch stichhaltig ist."

ABSONDERLICHKEITEN.

Die 36. Bilderberg-Konferenz vereinigte am vergangenen Wochenende 120 Politiker, Industrielle, Akademiker, Medienvertreter aus 20 Ländern in einem Tiroler Protzhotel oberhalb von Telfs. Die Versammlung – darunter Bundeskanzler Kohl, Henry Kissinger, Königin Beatrix der Niederlande, David Rockefeller, Alfred Herrhausen, Nato-Oberbefehlshaber Galvin, Gianni Agnelli – diskutierte den Moskauer Gipfel, die Weltschuldenkrise, die Nato-Strategie und den Konflikt am Golf.

Am zweiten Tag gab es eine leichte Unruhe. Zwei Vertreter des "Schiller-Instituts für republikanische Außenpolitik" (Hannover, Tel. 0511/32 03 38) hatten sich an der Gendarmerie vorbeigeschlichen und in die Zimmer der Bilderberger ein Flugblatt voller Absonderlichkeiten eingeschmuggelt. Es wetterte gegen die "neue Entspannung" und gegen "Neo-Malthusianer", malte das Gespenst einer bevorstehenden "Killer-Depression" an die Wand und forderte unter anderem die beschleunigte Entwicklung von SDI und Kernfusion, ein "Westliches Mars-Kolonialisierungs-Weltraumprogramm" und ein "Manhattan-Projekt" zur Bewältigung der Aids-Pandemie.

Hinter Flugblatt und Schiller-Institut verbergen sich die LaRouches – der ewige, ewig abgeschlagene amerikanische Präsidentschaftsbewerber Lyndon H. LaRouche und seine deutsche Frau Helga Zepp-LaRouche, Protagonistin der rechts-esoterischen Europäischen Arbeiterpartei und Vorsitzende von deren Frontorganisation Patrioten für Deutschland (Bundestagswahl 1987: 0,1 Prozent). Ihre Sendboten hatten schon öfter bei Bilderberg-Konferenzen demonstriert. Über Zweck, Größe, Arbeit und Hintergrund gibt das Hannoveraner Institut – Gründerin und Vorsitzende: Helga Zepp-LaRouche – am Telephon keine Auskunft: "Sie können sich ja schriftlich an uns wenden und das Gründungsprotokoll bestellen. Das kostet 25 Mark."

In Amerika gilt LaRouche als "eisenharter Neonazi", seine Philosophie als antisemitisch, konfliktsüchtig und atomversessen, seine Bewegung als lunatic fringe: eine verrückte Randgruppe. Seine Frau kennt das deutsche Publikum vor allem aus ihren wirren Wahl-Fernsehspots. Ihr Flugblatt-Stoßtrupp im Berghotel der Bilderberger raubte höchstens ein paar ob ihrer Unachtsamkeit zusammengestauchten Tiroler Gendarmen den Schlaf.

Theo Sommer