Besuch in dem palästinensischen Dorf Beita, wo die Israelis Rache übten

Von Henryk M. Broder

Jerusalem, im Juni

Welch herrlicher Tag, welch göttliche Landschaft. Die Hügel Samarias sind jetzt, Anfang Juni, immer noch tief grün, über den terrassierten Abhängen strahlt das Blaue vom Himmel. Man möchte sich unter einen Olivenbaum legen und die Zeit vergessen. Vor 21 Jahren fing der Sechstagekrieg an, vor sechs Monaten brach die Intifada, der Aufstand in den besetzten Gebieten aus. Und seit zwei Monaten lebt Mohammed Al-Atari mit seiner Frau Jamili und mit fünf seiner sechs Kinder buchstäblich im Freien. Aus der Ferne sieht die kleine Parzelle aus wie ein improvisierter Campingplatz: zwei Zelte, ein paar Stühle, ein wenig Hausrat, Wäscheleinen zwischen den Bäumen. Schaut man genauer hin, nimmt das Bild eher surreale Züge an. Da steht ein großer alter Eisschrank völlig unmotiviert in der Gegend, daneben ist ein Esel angebunden, und ein paar Meter weiter liegt ein Haufen Schutt: verbogene Eisenträger, eingestürzte Wände, eingefallene Decken.

Die Ruine war noch vor kurzem ein zweistöckiges Haus mit zehn Zimmern. Es wurde am 8. April dieses Jahres von einer Einheit der israelischen Armee gesprengt, zusammen mit 13 weiteren Häusern in dem Dorf Beita, zehn Kilometer südlich von Nablus. Zwei Tage zuvor, am 6. April, ‚ war es in Beita zu einem folgenschweren Zwischenfall gekommen, bei dem zwei junge Palästinenser und ein israelisches Mädchen ums Leben kamen, tödlich getroffen von Kugeln, die ein Israeli abgefeuert hatte. Aus Notwehr die Palästinenser, aus Versehen das Mädchen, wie Siedler behaupteten; aus purer Lust am Schießen und an der Provokation, wie die Einwohner von Beita und auch viele Israelis meinten.

Der Schütze, ein einschlägig vorbelasteter trouble maker und Chauvinist, der eine israelische Jugendgruppe auf einem Ausflug begleitet hatte, war bei dem Zwischenfall durch einen Steinwurf schwer verletzt worden. Bevor noch der genaue Verlauf der verhängnisvollen Begegnung zwischen den Israelis und den Palästinensern ermittelt und die Frage der Verantwortung geklärt wurde, hatte die Armee schon vollendete Tatsachen geschaffen und 14 Häuser in die Luft gejagt, darunter auch das von Mohammed Al-Atari.

"Sie haben uns keine Begründung gegeben", erinnert sich der 55jährige Palästinenser. "Die Soldaten kamen her, haben das Haus durchsucht, Türen und Fenster eingeschlagen, Säcke mit Reis, Zucker und Mehl auf den Boden geleert und dann die Sprengsätze gelegt. Zweimal passierte nichts, erst beim dritten Mal stürzte das Haus ein. Sie haben uns nicht erlaubt, irgend etwas ’rauszunehmen. Wir haben ein paar Kleinigkeiten retten können und das, was wir am Leibe hatten..."