Von Lou Lauenstein

Denkt man an die Zeit des Mittelalters und dessen Strafgerichtsbarkeit, drängen sich Gedanken an Hexenverfolgung, unmenschliche Strafen, furchteinflößende Gefängnisse und richterliche Willkür auf. Daß das damalige Strafsystem aus der Sicht unserer Ahnen trotz Hinrichtungsarten wie Köpfen, Hängen, Säcken, Rädern, Verbrennen, Vierteilen, Lebendigbegraben oder Verstümmelungsstrafen wie Blenden, Handabschlagen, Zungeabschneiden in Wirklichkeit nicht gar so grausam war, wie uns dies heute vorkommt, das verdeutlicht Richard van Dülmen in seinem schaurigen, aber lehrreichen Uberblick über die strafrechtliche Praxis in Europa vom Spätmittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert. Die Grausamkeit der Strafe sollte der Grausamkeit der begangenen Tat entsprechen; die Strafe sollte das Verbrechen auslöschen. Der Täter sollte nicht – wie im heutigen Strafrecht – resozialisiert werden, entscheidend war vielmehr der Gedanke der Sühne, der Wiedergutmachung, der Abschreckung. Vor allem deswegen wurden Strafaktionen in der Öffentlichkeit vollzogen, sie waren, wie der Autor schreibt, "ein wichtiger Bestandteil öffentlicher Kultur". Oft wurden Hinrichtungen zu regelrechten Volksfesten mit Tausenden von Schaulustigen.

Richard van Dülmen, Professor für Neuere Geschichte an der Universität des Saarlandes, geht detailliert auf die einzelnen Strafen ein, erläutert, welche Sanktionen auf bestimmte Delikte folgten. Dabei veranschaulicht er die Strafrituale durch Beschreibungen und historische Zitate. So zum Beispiel sah die Vierteilung, mit der Landesverräter und Königsmörder bestraft wurden, aus:

Der Scharfrichter und seine Gehilfen legten "den Missetäter zur Vierteilung nackt auf eine Art Holzpritsche – zumeist auf einem großen Schafott mitten in der Stadt –, fesselten ihn an allen Gliedmaßen und schnitten dann zunächst mit einem großen, eigens dafür gefertigten Messer die Brust von unten her auf, um das Eingeweide mitsamt dem Herzen, der Lunge und der Leber und, alles, was im Leib ist‘ herauszunehmen, es dann dem Armen Sünder ‚auf das Maul zu schmeißen‘ und in der Erde zu verscharren. Dann wurde der Mann auf einen Tisch, eine Bank oder einen Klotz gelegt und ihm mit einem besonderen Beil der Kopf abgeschlagen und der Leib in vier Teile zerhauen, die dann einzeln auf eichenen Säulen oder Schnappgalgen an den Hauptstraßen angenagelt wurden."

Bei der Strafe des Räderns – bis weit ins 19. Jahrhundert hinein bei Delikten wie Mord vollzogen – und beim Verbrennen räumt van Dülmen mit einem Vorurteil auf: Diese Hinrichtungsarten waren aus einem ganz einfachen Grund oft nicht so schrecklich, wie allgemein angenommen wird. In vielen Fällen waren die Verurteilten nämlich schon tot, wenn diese Strafen vollzogen wurden; sie wurden vorher erwürgt, um die Hinrichtung nicht zu blutrünstig zu gestalten und das Volk nicht gegen den Henker aufzubringen.

Weniger "human" ging es beim Säcken zu, einer oft bei Kindsmord verhängten Strafe, die aus dem römischen Recht stammte, Ende des 17. Jahrhunderts noch einen Höhepunkt erreichte und in Preußen erst 1740 abgeschafft wurde. Dabei wurde die Verurteilte lebendig mit drei oder vier Tieren – Hund, Hahn, Schlange, Affe – in einen Sack gesteckt und ins Wasser geworfen, wobei der Affe allerdings meistens durch eine Katze, die Schlange durch ein Schlangenbild ersetzt wurde. Die Tiere hatten eine symbolische Bedeutung:

"Der hund zeiget an, das ein solcher mensch seiner eitern nie mit ehren bekandt hat, die der hund thut, welcher die ersten neun tage blindt ist. Der han bedeutet des menschen frevel und durstigen hochmuth, den er an seinem vatter oder kindt begangen hat. Die nater bedeutet solcher eltern unglueck. Denn von dieser geberung sagt man also das, wann sie sich gatten wollen, so stecket das menlein sein haupt in das weibleins mund, davon empfehet sie und also beist sie dem menlein vor wollust das heupt ab. Darnach wann sie die jungen geberet, muss sie von ihnen wieder sterben. Dann als dieselben sollen geboren werden, beissen sie sich aus der mutter leib davon sie dann von stund ahn stirbt. Der aff bezeichnet eines menschen gleichnuss oder todes ebenbilde ohne werck. Dann wie der affe inn vielen dingen einen menschen gleich ist und ist aber doch kein mensch, also ist dieser north einem menschen ehnlich gewest, ist aber mit der that und herzen kein mensch gewesen, weil er so unmenschlichen hat an seinen eigenen blut thun doerffen".

Eine besonders entehrende Strafe – nicht nur für den Verurteilten, sondern für dessen ganze Familie – war das Hängen, womit schwerer Diebstahl und Betrug geahndet wurden. Eine solche Strafe konnte durch Begnadigung und das sogenannte Gnadenbitten jedoch in eine ehrenvolle Strafe abgeändert werden. So sollte ein Dieb im Jahre 1610 "ursprünglich mit dem Strang gerichtet werden, in Ansehung seiner Jugend aber, und stattlicher Fürbitt, die er gehabt, dann nicht allein seine Mutter, samt ihren 5 Kindern, deren 2. seine rechte, 3. seine Stieffgeschwistricht gewesen, für ihn gebeten, sondern auch sein eigener Herr, der Rinder und das Zirckelschmidts Handwerck, da ist er zum Schwert erbeten worden". – Das Gnadenbitten entsprach der im alten Strafsystem unbekannten Funktion des heutigen Strafverteidigers.

Van Dülmen geht nicht nur eingehend auf die einzelnen Strafarten ein, er behandelt auch den Gang der Strafverfahren. So erfährt man, daß auf dem Weg vom Gefängnis zum Hinrichtungsort ("Armesünderzug") noch Strafverschärfungen möglich waren: Dem Delinquenten konnte beispielsweise vor der Hinrichtung noch die Hand abgeschlagen werden, er konnte auf einer Kuhhaut zur Richtstätte geschleift oder während des Zuges noch mit glühenden Zangen traktiert werden.

Das wohl wichtigste Ergebnis dieser Untersuchung ist, daß das damalige Strafsystem nicht etwa auf richterlicher Willkür beruhte, sondern daß es für alle Etappen des Strafverfahrens, selbst für die Folter, genau festgelegte Vorschriften und Rituale hatte. So mußte zum Beispiel jemand, der alle drei Grade der Folter überstanden hatte, ohne ein Geständnis abzulegen, als unschuldig freigelassen werden. Dies war zwar sehr selten, kam aber selbst bei Hexenprozessen vor, so im Jahre 1672 im Falle der Katharina Lips aus Oberhessen.

Im Zeitalter der Aufklärung wurde die alte Gerichtspraxis in Frage gestellt; aber erst im 19. Jahrhundert gab es eine umfassende Strafrechtsreform, die nun den Täter und nicht mehr die Tat in den Mittelpunkt stellte.

Richard van Dülmen:

Theater des Schreckens – Gerichtspraxis und Strafrituale in der frühen Neuzeit

Beck, München 1988; 240 S., 19,80 DM